Stern des Bremer Viertels erlischt

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„Konny“ (l.) mit Brian Dryver Foto: Schlie

Über 1.200 Tage hintereinander hat Konrad Bothe zu diesem Zeitpunkt am Tresen von „Video Stern“ gestanden. In 35 Tagen wird das zum letzten mal tun. Der Grund könnte Erschöpfung sein, ist es aber nicht.
„Ich habe fertig“, so steht es auf Schildern geschrieben, die an Eingangstür und Schaufenster von „Video Stern“ prangen. Kann man nachvollziehen, wenn man bedenkt, dass Konrad Bothe seit dem 19. April 2012 keinen freien Tag mehr hatte. „Damals hat es den Computer zerschossen. Und weil nur ich alle Kunden kenne und nur ich weiß, welche Filme wir haben, konnte ich hier fortan keinen Mitarbeiter mehr alleine lassen“, sagt er. Dass der 58-Jährige nun Schluss macht, hat jedoch nichts mit Überarbeitung zu tun.

Illegale Downloads machen Geschäft kaputt

Es ist schlicht der Konkurrenz durch das Internet und illegales Downloaden geschuldet. Außerdem sitzen die Menschen mehr vor den PC als vor dem Fernseher. Hinzu kommt der Umstand, dass es zum 1. August eine Nachmieterin für den Laden Vor dem Steintor 28 gibt. „Konnys“ Pachtvertrag kann somit schon früher als geplant aufgelöst werden. „In einigen Monaten hätte ich eh Schluss gemacht“, sagt er.
Damit endet nun also die 35-Jahre andauernde Ära einer echten Viertel-Institution. „Video Stern“ war Pionier vor Ort und eine der ersten Videotheken. Bothe selbst hat dort 23 Jahre (Film- und andere) Geschichten erlebt.

Sämtliche Ware im Ausverkauf

Kunden beschert er kurz vor der Schließung wenigstens ansatzweise noch ein „Happy End“ – sämtliche Ware gibt es nämlich zu günstigen Preisen im Ausverkauf. Der Andrang ist groß. Am Tresen bildet sich immer wieder eine Schlange. Eine Mutter sichert sich stapelweise Kinderfilme, eine Studentin das „Vorkaufsrecht“ für Staffeln von True Blood und der nächste verhandelt über die Preise von Blue-Rays.
Wieder einer verlässt den Laden regelrecht verstört: „Ihr schließt? So ne Scheiße…“, stammelt er, während er fluchtartig den Ausgang ansteuert. Konny ruft verwundert hinterher: „Willst du denn nix ausleihen oder kaufen?“ Seine Frage verhallt zwischen Kisten und Stellwänden.

Kunden bedauern Geschäftsaufgabe

Alles ist voll. 12.500 Silberlinge in bunten Hüllen sind am Lager gewesen. Der Schwund macht sich im Stundentakt bemerkbar. Die Schnäppchenjäger machen jedoch nur kurz fröhliche Gesichter. Brian Dryver betont beispielsweise, dass er todtraurig sei und künftig nachts in die Kissen weinen statt DVD schauen wird.
Konnys ältester Kunde weiß hingegen noch von nichts. „Das ist ein ganz lieber 87-Jähriger“, sagt der Betreiber. Und weiter: „Er kommt regelmäßig, war aber jetzt ein paar Tage nicht da. Ich muss mir noch überlegen, wie ich ihm die Schließung schonend beibringe.“Video Stern, Vor dem Steintor 38, Öffnungszeiten montags bis samstags 12 bis Mitternacht, sonntags 12 bis 21 Uhr.

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