Ulrike Hauffe fordert Schutz von geflüchteten Frauen

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Ulrike Hauffe über Leid
geflohener Frauen. Foto: Schlie

Nicht nur junge Männer fliehen nach Bremen. Auch Frauen müssen ihre Heimatländer verlassen und kommen in die Hansestadt. Ein Interview mit Bremens Landesfrauenbauftragter Ulrike Hauffe über Frauen im Krieg, auf der Flucht und unterschiedliche Wertvorstellungen.

Weser Report: Wie viele Frauen, die geflohen sind gibt es in Bremen?

Wir wissen es nicht genau. Es gibt Schätzungen, die sagen, dass zwischen 15 und 30 Prozent der Flüchtlinge Frauen und Mädchen sind.

Es gibt eine Einrichtung mit 56 Plätzen nur für Frauen und Mädchen, reicht die aus?

Seit dem Sommer gibt es die eine Einrichtung. Aber wir brauchen eine zweite, das hat ein Runder Tisch der Sozialsenatorin mit Einrichtungen der Flüchtlingsarbeit im Sommer klar ergeben. Denn es gibt zwei Gruppen von Frauen: Die schwer traumatisierten, die auf der Flucht oder in ihren Herkunftsländern Gewalt erfahren haben, wie etwa Vergewaltigungen. Die zweite Gruppe sind die Frauen, die hier feststellen, dass Gewalt verboten ist und dass sie Gewalt von ihrem Partner nicht länger hinnehmen müssen. Für sie und ihre Kinder, brauchen wir eine geschützte Unterkunft mit Frauenhauscharakter.

Trotz allem was sie durchgemacht haben?

Wir vermuten, dass ihnen das im Grunde schon vorher klar war. Man nimmt nur Dinge wahr, die man vorher schon nicht mit sich vereinbaren konnte. Das ist eine Wahrnehmungsfrage, die für die Frauen hier auf einmal erlaubt ist. Wir waren selber davon überrascht.

„Frauen haben Angst um ihr Leben.“

Wie anders sind Frauen traumatisiert, als Männer?

Ganz anders. Alle haben Kriegsgewalt erlebt. Aber die Frauen müssen immer Sorge haben, als Kriegsmittel missbraucht zu werden. Systematische Vergewaltigungen von Frauen sollen dem Gegner die Kraft nehmen. Neben der Sorge um ihr Leben und das ihrer Kinder haben Frauen also noch eine ganz andere Angst.

Erleben Frauen auch die Flucht anders, als Männer?

Ja. Die meisten haben Angst um ihr Leben und Angst um ihre Integrität. Neben der ohnehin schon traumatisierenden Überlebensangst kommt noch die Angst vor Vergewaltigung oder sexuellen Übergriffen und die Sorge um ihre Kinder.

Wie geht es den Frauen in den Not- und Massenunterkünften, in denen sie ja mit vielen Männern auf engstem Raum leben müssen? 

Das ist ein Problem. Frauen müssen in den Aufnahmeeinrichtungen separiert untergebracht werden und sie brauchen eigene Sanitäranlagen. Auch wenn die Frauen in den Übergangswohnheimen zwar in eigenen Zimmern leben, die Toiletten aber auf dem Flur sind, ist das ein Problem. Sie trauen sich nachts nicht raus, weil sie sich durch die Präsenz der Sicherheitsmänner bedroht fühlen, obwohl der Sicherheitsdienst ja zu ihrem Schutz da ist. Der andere Punkt betrifft die Turnhallen. Frauen und Männer dort zu trennen ist nur begrenzt möglich. Außerdem wollen Familien zusammen bleiben. Hier wäre es sinnvoll, eine der Hallen nur für Frauen und Kinder vorzusehen.

Wie geht es denn den Mädchen, die hier ankommen?

Für die unbegleiteten Mädchen haben wir sehr gute Unterbringungsmöglichkeiten gefunden, wie etwa im Mädchenhaus. Zudem versucht die bremische evangelische Kirche gerade die Mädchen aus der Unterkunft Steinsetzer Straße in Pastorenfamilie unterzubringen. In der Steinsetzer Straße hatten sie keine separaten Duschen und Toiletten.


Das erfordert aber ein hohes Maß an persönlichem Engagement. Ist das nicht eigentlich Aufgabe der Stadt? 

Das Engagement der Beschäftigten im Sozialressort für Flüchtlinge ist immens hoch und wird leider in der Öffentlichkeit nicht ausreichend gesehen und anerkannt. Auch die besondere Situation von geflüchteten Frauen ist im Ressort natürlich präsent. Aber derzeit werden händeringend Unterkünfte gesucht, alle Kräfte sind hier gebunden. Ich bin in engem Kontakt mit der Senatorin, weitere spezifische Angebote für weibliche Flüchtlinge zu schaffen.

Es gibt von manche Bremer Frauen die Angst, dass sie, wenn sie am Asylbewerberheim vorbei gehen, vergewaltigt werden. Können Sie dazu was sagen? 

Diese Ängste halte ich für unbegründet. Wir müssen vor den Männern, die hierher geflohen sind, keine Angst haben. Die Flüchtlinge sind keine potenziellen Vergewaltiger.

Sie müssten dringend von Männern
getrennt werden.

Ist der Integrationsbedarf von Frauen anders als bei Männern?

Ja. Je nachdem aus welchen Ländern sie kommen, haben sie eine sehr unterschiedliche Vorbildung. In Afghanistan haben die Taliban das ganze Bildungssystem für Frauen zusammenbrechen lassen. Syrien hat oder hatte zwar ein sehr gutes Bildungssystem, aber nicht für alle Frauen. Sie haben vielfach die Rolle, für die Familien zu sorgen. Hier sollen sie dann auf einmal in die Schule gehen, um Deutsch zu lernen. Da braucht es eine spezielle Ansprache, die auf ihren kulturellen Hintergrund eingeht. Sonst erreichen wir die Frauen nicht.

Sind wir mit unserem modernen Lebensstil, also Rauchen, Alkohol, Ausschnitt zeigen, nicht auch eine Herausforderung für die Frauen?

Natürlich ist ein fremdes Wertegefüge eine Herausforderung. Aber natürlich sollen wir unser Verhalten nicht ändern, sondern versuchen, den Frauen unsere freiheitlichen Werte zu vermitteln – zum Beispiel, dass Gewalt jeder Art hier verboten ist.

Wie müssen Frauen betreut werden? 

Wir brauchen vor allem qualifizierte Dolmetscherinnen, die die Erlebnisse und Anliegen der Frauen richtig und vollständig wiedergeben.

Gibt es denn genug weibliche Betreuer und Dolmetscher? 

Wir haben von allem zu wenig, deswegen sind die Ehrenamtlichen so wichtig.
Ihr Engagement müssen wir begleiten und unterstützen.

Bremen ist finanziell klamm. Wie soll das alles gehen?

Trotz knappem Haushalt dürfen die Ausgaben für Mädcheneinrichtungen nicht gekürzt werden. Gerade für das Auffangen und die Integration geflüchteter Mädchen leisten sie sehr wichtige Arbeit.

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