Henning Scherf besichtigte nach seinem Vortrag das „Musterhaus mit Zukunft“ und ließ sich von der dafür verantwortlichen Projektleiterin, Andrea Krückemeier, auch das barrierefreie Badezimmer zeigen. Foto: Möller Henning Scherf besichtigte nach seinem Vortrag das „Musterhaus mit Zukunft“ und ließ sich von der dafür verantwortlichen Projektleiterin, Andrea Krückemeier, auch das barrierefreie Badezimmer zeigen. Foto: Möller
Wohnen im Alter

Henning Scherf rät im Miteinander zu mehr Augenhöhe

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Menschen sollen sich auf Augenhöhe begegnen, jemand, der wie Henning Scherf zwei Meter misst, weiß, wie schwer das sein kann. Der Altbürgermeister meint es im übertragenen Sinne: Dienstag sprach er übers Wohnen im Alter.

Rechtzeitig solle man sich Gedanken übers Altern machen, so Henning Scherf. Dazu gehöre auch, sich übers Wohnen in der Zukunft klar zu werden. Er selbst lebt in einer Senioren-WG, das hat sich wohl herumgesprochen. Dass er zusammen mit Ehefrau Louise schon vor bald 30 Jahren diesen Entschluss umsetzte, hat die Zuhörerschaft doch überrascht.

Auf Einladung von Landrat Bernd Lütjen sprach Scherf Dienstag im Rahmen einer Vortragsreihe übers „Wohnen im Alter“. Bis zum Tod wollten sie zusammen bleiben, Scherf und seine WG-Freunde. „Das sagt sich leicht, wenn man um die 50 Jahre alt ist, die Nagelprobe erfuhr unser Projekt, als es der ersten Mitbewohnerin richtig schlecht ging“, erzählte der 77-Jährige.

Als Rentner hat Scherf kochen gelernt

Zehn Menschen hatten sich in der Bremer Bahnhofsvorstadt ein großes Haus barrierefrei umbauen lassen, sie wollten den Alltag zusammen meistern. In getrennten Wohnungen zwar, aber mit viel Platz für Begegnung und einer offenen Tür für Gäste. Einmal die Woche wird gemeinsam gefrühstückt und zu feierlichen Anlässen abends zusammen gesessen. Scherf hatte schon immer eine Vorliebe fürs gute Essen, „in der WG habe ich jetzt als Rentner kochen gelernt, heute gab es Gemüseauflauf, Erdbeeren mit Schlagsahne als Dessert“.

Als der erste Pflegefall eintrat, musste sich das einander gegebene Versprechen in der Praxis bewähren. „Wer pflegt denn heute die Angehörigen?“, fragte Scherf, „es sind die Ehefrau, die Tochter und die Schwiegertochter, selten ein Mann.“ In der WG traf es alle, auch die Kerle. Und er musste noch in seiner aktiven Zeit als Präsident des Senats zu Hause eine Freundin mit pflegen. Er wollte auch als Politiker unter den Menschen bleiben, machte neue Erfahrungen, entwickelte Nähe, das alles erleichtere ihm nun sein eigenes Altern. Man habe Glück, wenn man dieses in einer Umgebung vollziehen könne, in der man ein Netzwerk hat, Freunde, Kinder, Verwandte und weiß, dass man in der Not Unterstützung erfährt.

Senioren-WG ist Alternative zum Altersheim

Scherf reist durch die Lande, spricht gerne über sein Projekt der Selbsthilfe, auch deshalb, weil er es für eine wirkliche Alternative zur Unterbringung alter Menschen in Heimen hält. Die seien von unserer „altersveränderten Gesellschaft“ eine bald nicht mehr zu finanzierende Sackgasse, „die Kosten steigen senkrecht nach oben“. Zudem hätten alle Einrichtungen schon jetzt Probleme, geeignetes Pflegepersonal zu finden. Spätestens die „Generation Babyboomer“ würde schon bald vor unlösbaren Fragen stehen. „Kasernen für Alte sind auch dann keine Lösung und die Menschen wollen das auch nicht“, sagt ein Henning Scherf, der immer wieder zu Veränderungen aufruft.

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