Immer mehr Bremer legen sich eine Waffe zu. Foto: WR Auch für Polizeibeamte ist die Unterscheidung der Waffen, insbesondere in Sekundenbruchteilen „unheimlich schwer“, sagt Polizeisprecher Menzel. Foto: WR
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Kleiner Waffenschein: Nachfrage steigt massiv

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Der „kleine Waffenschein“ liegt im Trend. In Teilen des Landkreises hat sich die Zahl der Anträge in diesem Jahr bislang verzehnfacht. Ein Experte betrachtet die Entwicklung kritisch und sieht die Politik gefordert.

Die Anzahl von Bürgern, die den sogenannten „kleinen Waffenschein“ beantragen, um Schreckschuss- oder Reizgaswaffen tragen zu dürfen, nimmt deutlich zu. Auch im Landkreis Verden schnellen die Zahlen in die Höhe: Die Waffen- und Jagdbehörde des Landkreises hat in diesem Jahr 125 kleine Waffenscheine ausgestellt, 15 werden derzeit bearbeitet.

Zum Vergleich: Von 2011 bis 2015 wurden zwischen elf und 19 Anträge jährlich gestellt. Dabei ist der Landkreis lediglich für die Gemeinden Dörverden, Kirchlinteln, Oyten, die Samtgemeinde Thedinghausen sowie die Flecken Ottersberg und Langwedel zuständig.

Kleiner Waffenschein ohne Vorstrafe erhältlich

In Achim und Verden fällt die Waffenschein-Vergabe in den Aufgabenbereich der Stadtverwaltung. In Achim stieg die Anzahl von neun bis elf in den Vorjahren auf 65 in den vergangenen sieben Monaten. Die Stadt Verden konnte kurzfristig keine Zahlen benennen.

Einen Schein erhält auf Antrag, wer 18 Jahre oder älter sowie zuverlässig und persönlich geeignet ist – das heißt: wer keine Vorstrafen und kein laufendes Verfahren bei der Polizei hat. Waffen für Jäger und Sportschützen zählen nicht mit, da diese unter eine andere Regelung fallen.

Nachfrage nach Kölner Silvesternacht gestiegen

Begonnen hat die Nachfrage laut Frauke Hans von der Waffen- und Jagdbehörde, nach den Ereignissen in Köln in der Silvesternacht und der Berichterstattung über sexuelle Übergriffe auf Frauen. „Nach Köln ging das extrem los“, berichtet sie.

„Die Unsicherheit fing nach Köln an“, sagt auch Professor Borwin Bandelow, Psychologe von der Uni Göttingen. Menschen hätten das Gefühl, dass die Polizei ihnen nicht helfen könne. „Das führt zu einer Überreaktion“, so der Experte für Angsterkrankungen. „Der Besitz einer Waffe führt zu dem psychologischen Effekt, dass die Menschen sich sicherer fühlen“, erklärt Bandelow.

Waffe nur eine „Illusion von Schutz“

Der Psychologe kritisiert die Politik: „Die Politik sollte deutliche Signale setzen, wie eine erhöhte Polizeipräsenz, die zwar eine Straftat nicht unbedingt verhindern, aber das Sicherheitsgefühl der Menschen verstärken“, rät er. Eine Waffe sei nur eine “Illusion von Schutz“, so Bandelow. „Im Moment denkt jeder, er sei in Gefahr, dabei liegen die größten Gefahren im Haushalt, Verkehr oder bei Krankheiten.“

Schreckschuss- oder scharfe Waffe?

Jürgen Menzel von der Polizeiinspektion Verden/Osterholz meint, jeder müsse selbst entscheiden, ob ein kleiner Waffenschein sinnvoll ist, er würde ihn jedoch „keinem nahelegen“. Zudem bestehe eine Verwechslungsgefahr mit „scharfen“ Waffen: „Für die Kollegen ist es, insbesondere in Sekundenbruchteilen, unheimlich schwer, echte und Schreckschusswaffen zu unterscheiden“, so der Polizeisprecher.

Im benachbarten Bremen hat erst im März ein Polizist in Notwehr ein 17-jähriges Mädchen mit drei Schüssen schwer verletzt, nachdem ein Schuss mit einer Schreckschusswaffe aus der Wohnung abgegeben worden war.

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