Der Metronom kommt in den frühen Morgenstunden am Bremer Hauptbahnhof an. Fotos: Neloska Der Metronom kommt in den frühen Morgenstunden am Bremer Hauptbahnhof an. Fotos: Neloska
Selbstversuch

Pendeln: Ein Höllenritt zwischen Bremen und Hamburg

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Pendeln ist eine Herausforderung – ich habe es ausprobiert. Einen Monat lang bin ich zwei Mal täglich die Strecke zwischen Bremen und Hamburg gefahren. Mein Fazit: 117 Kilometer können schnell zur Ewigkeit werden.

Dunkelheit: Gemütlich in Kopfkissen und Bettdecke gekuschelt, drehe ich mich vom Smartphone neben meinem Kopf weg. Zehn Minuten länger im warmen Bett sind nicht unbedingt eine Ewigkeit, aber um 5 Uhr morgens einiges wert.

Tatsächlich nicke ich nochmal kurz weg, nur, um einen gefühlten Augenblick später auf das viel zu laute und zu hohe Klingeln der Weckerfunktion meines Mobiltelefons zu warten. Ich warte, doch es klingelt nicht. Mit einer „Star Wars“-Würdigen-„Ich hab da ein ganz mieses Gefühl“-Ahnung drehe ich mich zum Telefon um und schalte es an.

Das grelle Licht des Displays blendet mich. Schließlich sehe ich doch etwas – Zahlen in fetten weißen Lettern: 7:00 Uhr. Eigentlich nun wirklich keine Langschläfer-Uhrzeit – außer man pendelt von Bremen nach Hamburg. Was folgt sind Panik und Hektik und noch viel schlimmer: Mathe.

Hose an? Ja? Nein? Vielleicht?

Denn während meine müden Glieder unkoordiniert ins Badezimmer stolpern, fängt mein Hirn an zu rechnen – so weit es das eben kann. Wie viele Minuten brauche ich zum Bus? Welchen muss ich erwischen, um welchen Zug zu bekommen? Parallel dazu beschäftigen sich meine grauen Zellen mit banaleren Aktionen, die noch anstehen, bevor ich das Haus verlassen kann. Zähne putzen, duschen, anziehen. Das alles irgendwie geschafft – obwohl, im Treppenhaus kontrolliere ich doch tatsächlich, ob ich auch wirklich daran gedacht habe, mir eine Hose anzuziehen. Check! Hose an, weiter geht’s.

Renne die zwei Stockwerke runter, versuche nicht zu fallen, was mir erstaunlicherweise auch gelingt, hetze zum Bus, der mir natürlich direkt vor der Nase wegfährt. Das bedeutet, dass ich auch den Zug verpasse, mit dem ich nur ein bisschen zu spät gewesen wäre. Jetzt komme ich volle Kanne zu spät. Ganz toll! Pendeln: Tag V.

Wegen einer Fortbildung in Hamburg pendle ich lediglich einen Monat zwischen den Hansestädten. Rund 6.000 andere Leute nehmen täglich die 117 kilometerlange Strecke von Bremen nach Hamburg mit dem Metronom auf sich – das ganze Jahr über. 69 angepeilte Minuten Fahrzeit lang hat man theoretisch ein bisschen Ruhe. Käffchen trinken, Kleinigkeit essen, Musik hören, endlich mal wieder entspannt ein Buch lesen. Eigentlich schon ziemlich cool, wie gesagt, theoretisch.

Im Metronom unterwegs

Im Metronom unterwegs

Personen im Gleis

Zur Praxis: 18.31 Uhr. Ich bin jetzt schon knapp 14 Stunden wach und sitze im Metronom am Hamburger Hauptbahnhof. Eine junge Frau setzt sich auf den Platz neben mir. Sie hat eine Fastfood-Tüte in der Hand. Sie öffnet die Tüte und plötzlich riecht es intensiv nach Friteuse. Was mich allerdings nicht weiter stört. Vielleicht, weil ich selbst hungrig bin und nur allzu gerne ein paar Pommes futtern würde, so wie es meine Nachbarin gerade tut. Ich tröste mich. Kann ich ja auch gleich, in 117 Kilometern und 69 Minuten.

Dann kommt das, was jeder Pendler und Zugreisende fürchtet. Eine Metronom-Mitarbeiterin trötet durch den Lautsprecher: „Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Abfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit wegen Personen im Gleis.“

In diese Kategorie fallen auf Gleisen spielende Kinder, leichtsinnige Fußgänger und natürlich auch Suizid-Kandidaten. Wer oder was genau für die aktuelle Verzögerung verantwortlich ist, ist mir unsensibler Weise ziemlich latte. Den anderen Pendlern scheint es ähnlich zu gehen. Ausrufe wie „Schon wieder“, „Scheiße“ und „Na toll“ sind zu hören. Mein persönlicher Favorit: „Fuck“. Kam allerdings auch von mir.

Aber ruhig Blut. Entspann dich, sage ich zu mir selbst. Hast ja sonst nicht die Zeit dazu. Ich stecke mir Kopfhörer in die Ohren und höre Musik. Funktioniert. Zunächst einmal. Nach vier oder fünf Songs gibt mein beschissener Mp3-Player seinen Geist auf. Im Zug wird es immer voller. Jeder Sitzplatz ist besetzt. Menschen stehen aneinander gequetscht wie Sardinen in den Gängen. Würde ich an Klaustrophobie leiden, wäre das jetzt eine ernst zu nehmende Herausforderung.

Sachsen entspannt die Lage

Tu ich nicht. Bin aber extrem genervt. Weil ich müde bin, weil ich hungrig bin, weil das permanente Geschnatter meiner Mitreisenden immer lauter und der Inhalt der Gespräche immer belangloser zu werden scheint. Ich will nicht wissen, wer welche Kniegelenks-Operation hatte und ob 70 Prozent der Operationen vollkommen unnötig sind, laut einer erkenntnisschwangeren Aussage zwei Reihen hinter mir. Plötzlich muss ich an Michael Douglas‘ Figur in „Falling Down“ denken und empfinde beunruhigender Weise gerade enorme Sympathie für den Mann.

19.36 Uhr. Mit einer knappen Stunde Verspätung setzt sich der Zug schließlich in Bewegung – nur, um direkt vor den Toren des Bahnhofs wieder zum Stehen zu kommen. „Sehr geehrte Damen und Herren, wegen der Streckensperrung stauen sich die Züge gerade noch. Im Moment sind alle Ampeln rot. Wir bitten Sie noch um etwas Geduld“, trällert eine männliche Stimme – im authentischsten sächsischen Dialekt, den ich je gehört habe.

Kondome im Snack-Automaten und weinende Werder-Fans

Früh morgens am Bremer Hauptbahnhof

Früh morgens am Bremer Hauptbahnhof

Die Reaktion auf die Durchsage: Lachen im Zug. Frech, ich weiß und lache dennoch mit. Immerhin hat der gute Mann so fröhlich und so sächsisch geklungen, dass ein großer Teil meines Ärgers verflogen ist. Dann fährt der Zug doch noch los. Ich werde wohl nicht das Schicksal der Bremer Stadtmusikanten teilen und irgendwann die Heimat erreichen. Irgendwo kurz vor Rotenburg ist der Zug fast leer. Mittlerweile bin ich schon seit knapp drei Stunden unterwegs. Durst!

Ich durchquere den Metronom. Im letzten Wagen ziehe ich mir am Snack-Automaten eine Cola. Fasziniert bleibe ich stehen und inspiziere den Inhalt des Automaten. Neben Red Bull-Dosen und Snickers-Riegeln gibt es auch Billy Boy-Kondome. Cool, eine Anekdote mehr. Das denke ich auch einige Momente später.

Endlich in Bremen angekommen, gehe ich die Bahnsteig-Stufen runter. Unten umarmen sich zwei weinende Werder-Fans mit jeweils einem fast leeren Sechserträger Beck‘s in der Hand. „Ist doch alles nicht so schlimm“, sagt der eine. „Doch“, erwidert der andere. Werder hat an diesem Abend gespielt und verloren. Ich schlendere amüsiert an den beiden vorbei. Kurz nach dieser Episode liege ich in meinem Bett und stelle den Wecker. In gut vier Stunden geht der Pendel-Spaß von vorne los.

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