Bei dem Projekt des Kulturladens Huchting wurden 100 Huchtinger mit Migrationserfahrung (Flüchtlinge, Migranten, die zweite Generation) interviewt. In einer Ausstellung im Rathaus "100 Prozent Huchting, 100 % mensch) können Besucher sich lebensgroße Fotos anschauen, Gedichte der Befragten durchlesen und erfahren, was ihnen das Ankommen erleichtert hat. Mai ist eine von hundert Personen, die bei der Ausstellung im Rathaus mit Fotos, Gedicht und einer Erzählung vertreten ist. Foto: Kulturladen
Kulturladen Huchting

Wie diese Bürger zu „100 Prozent Huchting“ wurden

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Was erleichtert Menschen das Ankommen in einer neuen Heimat? Hundert Huchtinger mit Migrationserfahrung erzählen bei einer Ausstellung im Rathaus ihre Geschichte - und warum ein Lächeln noch nach 30 Jahren nachwirkt.

Ein Flugzeug landet, die Menschen steigen aus – sind sie damit angekommen in einem neuen Land? Nach einigen Tagen kennt man den Weg zum Supermarkt und den zur Bus­haltestelle. Angekommen? Irgendwann, da spricht man die fremde Sprache, kann zumindest die wichtigsten Gänge alleine regeln. Angekommen?

Welche Faktoren erleichtern das Ankommen?

Der Kulturladen Huchting hat hundert Huchtinger mit Migrationserfahrung befragt, wann sie sich in Deutschland zu Hause gefühlt haben. Die Ergebnisse aus langen Gesprächen und kreativer Selbstfindung sind ab dem 30. September im Rathaus zu sehen.

„Wir wollten vor allem wissen, welche Faktoren das Ankommen erleichtern“, erzählt Vera Zimmermann vom Kulturladen. „Die Menschen haben uns das aber nur mitgeteilt, wenn sie mit ihrer Erzählung viel früher anfangen konnten, bei ihrem Heimatland. Denn diese ganze Vorgeschichte gehört dazu.“

Nicht überraschend, aber deutlich: Sprache ist wichtig

Das Fazit des Kunstprojekts ist vielleicht nicht überraschend, aber eindrücklich: Einer der wichtigsten Punkte für das Ankommen ist die Sprache. „Ganz besonders für diejenigen, die sich in ihrer Heimat über Sprache definiert haben“, erzählt Zimmermann.

Eine Rechtsanwältin aus Syrien habe sich „geradezu amputiert“ gefühlt, als sie nach Huchting kam, ohne Deutsch zu sprechen. „Sie fiel in eine Depression, konnte ein halbes Jahr lang ihr Zimmer nicht verlassen“, berichtet Zimmermann.

Es ist leicht, anderen den Einstieg zu erleichtern

Maziar ist einer der 100 Teilnehmer. Bei dem Kunstprojekt "100 % mensch, 100 % Huchting" haben sich ungewöhnlich viele Männer beteiligt.

Am Projekt haben sich ungewöhnlich viele Männer beteiligt – so wie Maziar

Neben der Sprache zählen oft die kleinen Freundlichkeiten, die einem erwiesen werden: Lächelnde Gesichter an der Bus­haltestelle, das freundliche Grüßen der Nachbarin, ein Fremder, der einen spontan mit dem Auto irgendwo hinfährt statt den Weg nur zu erklären – so etwas ist auch nach 30 Jahren bei vielen noch in der Erinnerung.

„Ich finde es irre, solche Geschichten nach so langer Zeit zu hören“, meint die Leiterin des Kulturladens. „Man merkt, wie leicht es ist, jemandem etwas langfristig Gutes zu tun.“

Schließlich ist auch Familie wichtig für den Prozess: Wer sich aufgehoben fühlt, kommt schneller an, als jemand, der allein im fremden Land ist. Ganz wichtig dabei auch für viele: Das eigene Kind, das in Deutschland geboren ist, Deutscher ist.

Integration setzt auch den Wunsch danach voraus

Ein weiterer Punkt wird von manch einem erwähnt: „Ankommen konnte ich erst, als ich innerlich wirklich ankommen wollte“, heißt es bei mehreren Teilnehmern. Denn Ankommen heißt ein wenig auch: Abschied nehmen.

Die Menschen, die für das Kunstprojekt interviewt wurden, leben oft schon seit vielen Jahrzehnten in Deutschland. Einige sind sogar hier geboren, mussten sich das Ankommen aber trotzdem erst erlauben, da ihre Eltern aus dem Ausland hierher gezogen waren.

Der „jüngste“ Ankommer sei erst vor einigen Monaten aus Gambia nach Deutschland geflüchtet. „Einige derjenigen, die seit etwa ein bis zwei Jahren hier sind, bezeichnen sich als angekommen“, erzählt Zimmermann. „Ich glaube aber, dass das ein Zwischenbild ist; in der Rückschau sagen viele, sie hätten sich schnell wohlgefühlt – aber angekommen waren sie erst viel später.

Die Ausstellung lädt ein, die Geschichten zu kommentieren

Auf Koffer haben die Teilnehmer Elfchen, also kleine Gedichte, zum Thema Ankommen geschrieben.

Auf Koffer haben die Teilnehmer Elfchen, also kleine Gedichte, zum Ankommen geschrieben.

Die Besucher im Rathaus erwartet eine Ausstellung mit lebensgroßen Fotos, mit Gedichten, welche die Migranten auf Koffer geschrieben haben, und mit Tonaufnahmen. Die Porträtierten tragen immer auch ihre Geschichte mit sich – wichtige Erinnerungsfotos sind auf die Kleider der Person montiert.

Wer wissen will, wen er vor sich hat, setzt sich einfach in Ruhe auf den dazugehörigen Holzstuhl, kommt in der Ausstellung an, und hört sich das dazugehörige Interview an. Für jede ausgestellte Person gibt es noch eine kleine Schublade. Wer am Ende das Gefühl hat, einem der Angekommenen etwas mitteilen zu wollen, kann einen kleinen Brief schreiben und in das entsprechende Fach legen.

„100 Prozent Huchting, 100 Prozent Mensch“ wird am Freitag, 30. September, gegen 16.30 Uhr von Bürgermeister Carsten Sieling und Sozialsenatorin Anja Stahmann in der unteren Rathaushalle eröffnet. Noch bis zum 10. Oktober können Besucher die Ausstellung erleben.

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