Claudia Bogedan im Interview. Dr. Claudia Bogedan ist zuversichtlich, dass es 2017 weniger Wirbel um Kita-Plätze gibt. Foto: Schlie
Interview

Bogedan:”Bei Eltern ist viel Nervosität entstanden”

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Besonders fehlende Kita-Plätze haben das Jahr 2016 war schwierig für Bildungssenatorin Dr. Claudia Bogedan. Im Januar könnte es die nächsten Probleme geben. Dann müssen Eltern ihre Kinder an den Schulen anmelden.

Weser Report: Der Zentrale Elternbeirat behauptet, in Bremen fehlen 24 Grundschulklassen. Warum glauben Sie, dass es reicht, nur 16 neue erste Klassen einzurichten?

Claudia Bogedan: Weil wir davon ausgehen, dass die Kinder, die wir jetzt anschreiben auch diejenigen sind, die sich zum Schulbesuch anmelden werden. Dabei gehen wir aktuell von 4.394 künftigen Erstklässlern aus, denn nicht alle Kann-Kinder kommen tatsächlich auch 2017 zur Schule.

Denken Sie darüber nach, die Maximal-Schülerzahlen pro Klasse zu erhöhen?

Nein, das kann ich weit von mir weisen. Diese Alternative haben wir ausgeschlossen. Im Herbst 2016 haben wir im Rahmen der Schulstandortplanung auch Klassengrößen definiert. In einer Grundschuklasse sollen maximal 24 Schüler sitzen. Abweichungen gibt es nur nach unten, zum Beispiel an Schulen mit hohem Förderbedarf oder dort, wo es räumliche Grenzen gibt. In einzelfällen kann es aber aufgrund der Zuzüge im laufenden Schuljahr Abweichungen nach oben geben.

Überall dort, wo Plätze fehlen, werden Kinder keinen Platz an ihrer Wunschschule bekommen. Wie wird entschieden, welches Kind wo zur Schule gehen darf?

Bei den Eltern ist viel Nervosität entstanden. Aber wenn wir die Kapazitäten so umsetzen können wie geplant, wird nur ein Bruchteil der Kinder ihren Wunschplatz nicht bekommen. Im vergangenen Schuljahr waren das nur 1,25 Prozent, also nicht einmal 50 Kinder. Für die Entscheidung, welches Kind wo einen Platz bekommt, spielen Faktoren wie sozialräumliche Nähe zum Wohnort und die Geschwister, die bereits die Schule besuchen, eine Rolle.

Und wenn mehrere Kinder die gleichen Faktoren mitbringen?

Dann gibt es ein Losverfahren. Das klingt zwar schrecklich, ist aber am gerechtesten. Ich möchte nicht, dass wir Auswahlverfahren einführen, bei denen die Schulleitung überzeugt werden muss. Das baut Druck bei Eltern und Kindern auf. Und wenn es nicht klappt, bleibt das Gefühl, versagt zu haben.

Sie wollen in Gröpelingen eine neue Schule bauen. Warum hat der Senat noch nicht darüber entschieden? Die Zeit drängt doch.

Man muss Verständnis dafür haben, dass es um viel Geld geht, das heißt, man braucht die Sicherheit, ob der Bedarf an Schulplätzen auch auf Dauer besteht. Die Senatskollegen verlangen, dass wir das dokumentieren können. Durch den sprunghaften Anstieg an Kinderzahlen ist der Nachweis aber doppelt so schwer zu erbringen.

Wie stark weichen die Prognosezahlen denn von der tatsächlichen Kinderzahl ab?

Laut der Prognosezahlen vom vergangenen Sommer hätten wir nur halb so viele zusätzliche Schulplätze gebraucht. Es gab aber schon Anzeichen, dass die Zahlen höher ausfallen Dass die Zahl vom Statistischen Landesamt soweit daneben liegt, konnte niemand erwarten.

Woran liegt das denn?

An Zuzügen, sowohl von Flüchtlingen, Migranten aus anderen Ländern, aber auch aus dem Umland und anderen Teilen Deutschlands. Außerdem werden auch nach wie vor in Bremen mehr Kinder geboren als erwartet.

In der Übergangszeit sollen Grundschulkinder an der Oberschule am Park in Mobilbauten unterrichtet werden. Von ihnen heißt es, sie seien alt, im Winter zu kalt, im Sommer zu warm und schlecht belüftet.

Ich habe die Container und sie sehen innen besser aus als außen. Sie bieten vielleicht nicht die bestmöglichen Lernbedingungen, aber auch nicht die schlechtesten.

Außerdem werden sie noch aufbereitet, das heißt, die Dämmung wird überprüft und Verschleißteile erneuert. Auch andere Städte müssen auf Mobilbauten zurückgreifen. Das ist kein Bremer Problem.

Eltern erfahren erst im März, ob sie den gewünschten Ganztagsschulplatz erhalten. Falls nicht, ist aber die Anmeldezeit für den Hort schon verstrichen.

Das ist eine schwierige Situation. Die Anmeldeverfahren müssen parallel im Januar laufen, weil ja auch die Hortplätze zum 1. August vorbereitet werden müssen, damit zum Beispiel gewährleistet ist, dass ausreichend Personal am jeweiligen Standort ist.

Trotzdem können sich Eltern auch zu einem späteren Zeitpunkt noch für einen Hortplatz bewerben. Grade in den ersten Monaten gibt es dort immer eine hohe Fluktuation.

Gibt es denn genügend Hortplätze?

Wir haben stadtweit vermutlich zu wenige. Weil wir aber den Ganztagesausbau an den Schulen vorantreiben und gleichzeitig das bestehende Hortangebot aufrecht erhalten, werden wir im nächsten Schuljahr mehr Betreuungsplätze haben als noch zum 1. August 2016. Dieser Weg ist der, den die Koalitionsfraktionen beschlossen haben.

Auch an den weiterführenden Schulen fehlen Kapazitäten. An der Oberschule am Leibnizplatz fehlen schlicht die Räume, auch weil so viele Schüler einen Anspruch auf einen Platz in der gymnasialen Oberstufe haben. Denken Sie darüber nach, diesen Anspruch doch wieder abzuschaffen?

Nein, das wäre fatal. Die Zuordnung von Oberschulen zu gymnasialen Oberstufen ist eine der Grundkonstuktionen unseres Schulsystems. Es ist das Versprechen, dass sich Schüler nach der zehnten Klasse nicht noch einmal einen neuen Schulplatz suchen müssen.

Wir hatten jetzt den ersten Jahrgang Oberschul-Absolventen und die ersten zarten Zahlen zeigen, dass mehr Schüler den Weg zum Abitur beschreiten – und zwar mehrheitlich an der ihnen zugeordneten Oberstufe. Das gehört zu den starken Leistungen der Oberschulen.

Im Januar melden die Eltern ihre Grundschulkinder für die weiterführenden Oberschulen an. Rechnen Sie dabei mit Komplikationen?

Wir haben natürlich begrenzte Kapazitäten. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass das Vergabeverfahren gut laufen wird. Ich lege für alle Bremer Schulen meine Hand ins Feuer, dass Schüler dort gute Chancen haben.

Spielt für die Aufnahme an der weiterführenden Schule die Leistung in der Grundschule eine Rolle?

Formal nur an einer Stelle: Wenn es um die Aufnahme an einem Gymnasium geht, müssen die Leistungen über dem Regelstandard liegen.

Kita-Chaos, zu wenig Grundschulplätze: War die Zusammenlegung der Ressorts Kinder und Bildung wirklich eine gute Idee?

Ich bin mehr denn je davon überzeugt, dass das sinnvoll ist, wenn wir die anstehenden Herausforderungen meistern wollen. Und damit meine ich nicht die zusätzlichen Kita-Plätze, sondern in erster Linie die Armut in der Stadt.

Uns muss es gelingen, die unterschiedlichen Niveaus von Kindern in der ersten Klasse anzugleichen. Der sechste Geburtstag ist nicht ausschlaggebend darüber, ob ein Kind reif für die Schule ist. Kita und Schule können aber gemeinsam passgenaue Übergänge ermöglichen.

Was wird Sie 2017 besonders beschäftigen?

Die Sprachförderung ist ein zentrales Thema. Das große Problem ist, dass einige Eltern nicht mit ihren Kindern sprechen. Wir müssen deshalb alle Pädagogen, die mit Kindern arbeiten, dauzu befähigen, in der Sprachförderung tätig zu werden.

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Eine Antwort

  1. nizo800 sagt:

    Frau Senatorin Dr. Bogedan produziert in diesem ausführlichen Interview u.a. folgende Sätze: „Die Sprachförderung ist ein zentrales Thema. Das große Problem ist, dass einige Eltern nicht mit ihren Kindern sprechen. Wir müssen deshalb alle Pädagogen, die mit Kindern arbeiten, dazu befähigen, in der Sprachförderung tätig zu werden.“
    Ich denke, ich lese nicht recht. Was ist da los? Eltern sprechen nicht mit ihren Kindern? Stimmt das? Welche denn? Und warum? Und, wenn das klar ist: Nimmt unsere Bildungssenatorin das so einfach hin? Haben Eltern etwa nicht die Pflicht, mit ihren Kindern zu sprechen? Müssen „wir“ (!), so sagt sie, stattdessen den Aufgabenkatalog von Lehrern um diese pädagogische Aufgabe erweitern? Wer ist „wir“? Der Staat? Ersetzt er mithilfe von Lehrern die Eltern? Ist das nicht eine politische Bankrotterklärung? Ginge das überhaupt ohne Einzelbeschulung solcher Kinder? Ist das geplant? Ist das bezahlbar? Ist das durchdacht und durchgerechnet?
    Davon ist keine Rede.
    Von einer Senatorin erwarte ich eine Kenntnis von Details nur bedingt. Dafür sind Regierungsdirektoren, Staatsräte und Ressortsprecher* zuständig. Sie ist Politikerin. Sie hat die Lage zu überblicken und Ideen zur Problemerkennung und deren Lösung zu liefern, die ihre Beamten auf ihre Machbarkeit und ihren Nutzen hin zu prüfen haben und die dann in Verordnungen und Gesetze gegossen werden.
    Das ist ihre Aufgabe. Damit ist offenbar Essig. In diesem klitzekleinen Detail, einem von hunderten in der Bildungs- und Sozialpolitik. Mal eben von unserer Senatorin so dahingesagt, aber ein Schuss in den Ofen, erkennbar selbst für diejenigen Bürger*, die naturgemäß mit dieser Materie nicht vertraut sind.
    Meine Frage: Weiß Frau Senatorin es nicht besser? Kann sie es nicht besser? Darf sie möglicherweise nicht redlich sein? Egal. Klar ist für mich: Die Vernunft hat sich aus der Bildungspolitik verabschiedet.
    Ich jedenfalls finde das schlimm.
    Martin Korol, Bremen

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