Sedat Sevimli hat mit 99 anderen Huchtinger Migranten am Kulturprojekt "100 Prozent Huchting" des Kulturladens teilgenommen. Diese Woche wird seine Geschichte im Bürger- und Sozialzentrum ("bus...") vorgestellt - er erzählt darin, was ihm als Mensch mit Migrationshintergrund das Ankommen erleichtert hat und was es schwerer gemacht hat. Foto: Kulturladen "Manchmal fehlen heute noch die Begriffe", erzählt Sedat Sevimli bei dem Projekt des Kulturladens Huchting. Seine Geschichte und die von neun weiteren Huchtingern wird diese Woche im Bürger- und Sozialzentrum erzählt. Foto: Kulturladen
100 Prozent Huchting

Von Sprache und Mut: 100 Migranten übers Ankommen

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Über 10 Wochen erzählen 100 Huchtinger Migranten bei einer Ausstellung im "bus..." Huchting übers Ankommen. Diese Woche erinnert sich u.a. Sedat Sevimli: "Du wusstest, dass die Eltern nicht aus dieser Gesellschaft sind."

Bei „100 Prozent Huchting“, haben sich 100 Migranten mit dem Thema Ankommen beschäftigt. Verteilt über zehn Wochen werden nun je zehn Teilnehmer im Bürger- und Sozialzentrum vorgestellt. Der Weser Report porträtiert in einer Serie jeweils einen der Teilnehmer.

Was hilft beim Ankommen in neuer Heimat?

„Mut und Dankbarkeit“ brauche eine Gesellschaft, um das Ankommen zu erleichtern, findet Sedat Sevimli vom Kulturladen. So wie er haben 100 Huchtinger mit Migrationshintergrund in einem Projekt des Kulturladens über das Thema „Ankommen“ sinniert.

Sie haben Gedichte geschrieben und ihre eigene Geschichte ins Mikrofon erzählt – und dabei offenbart, inwiefern Sprache, Familie, oder auch nur ein Lächeln vor 20 Jahren ihnen geholfen haben, anzukommen.

Projekt kommt mit Ausstellung zurück nach Huchting

Das Projekt wurde bereits im Rathaus ausgestellt – Sozialsenatorin Anja Stahmann hat für die 100 Zugereisten eigens einen Senatsempfang gegeben. Nun soll es dorthin zurück, wo es herkommt – nach Huchting. „Hier kennt man die Menschen, die ihre Geschichte erzählen“, meint Vera Zimmermann vom Kulturladen, „hier interessiert man sich besonders dafür.“

Zehn Minuten, aber auch bis zu einer Dreiviertelstunde kann eine Tonaufnahme von den porträtierten Personen dauern – es ist daher nicht möglich, alle 100 Geschichten der Teilnehmer anzuhören.

Jeweils zehn Teilnehmer mit Erzählung, Gedicht und Foto

Um dennoch zumindest ein paar Erzählungen mitnehmen zu können, wird das Projekt für die Ausstellung im Stadtteil entzerrt: Die 100 Huch­tinger werden auf zehn Ausstellungswochen à zehn Teilnehmer im Bürger- und Sozialzentrum („bus…“) aufgesplittet.

Neben der Tonaufnahme als eigentlichem Herzstück werden jeweils noch ein Koffer mit Gedicht des Teilnehmers, sowie ein lebensgroßes Foto, das zeigt, was dem Porträtiertem wichtig ist, ausgestellt.

Sedat Sevimli in der ersten Zehner-Gruppe

Der Weser Report informiert in den kommenden Wochen darüber, welche Huchtinger in der jeweiligen Woche im Bürger- und Sozialzentrum noch besser kennen zu lernen sind. Auf eine Person gibt es dabei jeweils schon einen kleinen Vorausblick. 

In der ersten Zehner-Gruppe wird neben neun anderen Huchtinger Migranten diese Woche vom 24. bis zum 30. April  auch der eingangs zitierte Sedat Sevimli vorgestellt. Im Bürger- und Sozialzentrum kümmert er sich um die Verwaltung

„Manchmal fehlen die Begriffe“

Sevimli ist gebürtiger Delmenhorster und seit seinem 16. Lebensjahr Deutscher. „Migrant“ mag nicht recht auf ihn passen – der etwas bürokratische Ausdruck „Migrationshintergrund“ trifft es besser. Denn geprägt wurde Sevimli als Kind von Eltern aus Anatolien von der Migration ­allemal.

„Du wusstest, dass die Eltern, weil sie anders sprechen, nicht aus dieser Gesellschaft sind“, erinnert sich Sevimli für das Projekt an seine Kindheit. Die Beziehung zur deutschen Sprache hat den heute 40-Jährigen noch lange geprägt: „Später merkst du selber, dass du dich nicht richtig artikulieren kannst“, sagt er in der Tonaufnahme. „Und ich glaub, das hat sich sogar bis heute bei mir getragen, dass mir manchmal die Begriffe fehlen.“

Die Begriffe – das scheint für ihn ein wichtiges Thema. Sensibel geht er in seiner Erzählung mit den Worten um, korrigiert sich selbst, als er von Behinderten kurz als von „den anderen Menschen“ spricht.

Suche nach religiöser Zugehörigkeit

Bedeutsam für Sevimli ist immer auch seine Beziehung zur Religion. Als Alevit hat er früh gespürt, dass andere Kinder andere Traditionen hatten. Auch wenn er sich selbst als Muslim betrachtet: Schiiten und Sunniten sehen in Aleviten keine Muslime.

Die Tonaufnahmen zeigen, wie der gebürtige Delmenhorster neben dem Ankommen in der deutschen Gesellschaft auch immer nach seinen religiösen Wurzeln gesucht hat, seinen Vater um Antworten gebeten hat. Mehrere Minuten lang erzählt er vom Alevitentum und was es für ihn und seine Familie ­bedeutet. 

Deutscher ist Sevimli schon lange. Und heute fühlt er sich auch angekommen: „Ich bin an der richtigen Stelle, hier im Bürger- und Sozialzentrum“, sagt er. „Hier sind viele glückliche Menschen. Es gibt eine große Vielfalt, der Mensch steht mit seinen Fähigkeiten im Zentrum. Ja, ich bin angekommen.“

Zehn Huchtinger bis zum 30. April

Diese Woche können Interessierte im Bürger- und Sozialzentrum neben der Geschichte von Sedat Sevimli auch noch die von neun anderen Huchtingern kennen lernen: 

Bozena Domagala (vom Kinder und Familienzentrum KuFZ)
Tatjana Okun
Olga Okun
Duncan Ercegovic-Gak
Galina Babuschkin
Kingsley Arinze
Ozioma Arinze
Dilek Cengiz Özlem
Sercan Atcilar

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