Der NS-Terror riss sie auseinander: Die Eheleute Mathilde und Dr. Harry Rothschild. Bildvorlage: Stadtarchiv Delmenhorst Der NS-Terror riss sie auseinander: Die Eheleute Mathilde und Dr. Harry Rothschild. Bildvorlage: Stadtarchiv Delmenhorst
Stolpersteine

Geschichte aus der Anonymität holen

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Stolpersteine: Auch in Delmenhorst regen die kleinen Gedenksteine zum Innehalten und Nachdenken an. Einen Stolperstein findet man zum Beispiel direkt am Schweinemarkt.

Mit seinen Stolpersteinen initiierte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig ein Projekt mit dem Bestreben, die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden und anderer Gruppen Verfolgter im Nationalsozialismus wach zu halten.

Der Künstler erreicht dieses Ziel, indem er vor ihrem letzten frei gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing in die Bürgersteige einlässt. Eine Inschrift mit Namen und Alter erinnert an das individuelle Menschenschicksal in der NS-Zeit, zumeist an den Weg in den Tod. Wird ein Passant auf einen verlegten Stein aufmerksam, „stolpert“ er also über ihn, so muss er sich herunterbeugen, wenn er die Inschrift entziffern will.

Vor den Opfern verneigen

Er verneigt sich so vor dem Opfer, erweist ihm eine Ehrung. Gegner der Steine allerdings begründeten ihre ablehnende Haltung mit dem Argument, man würde doch auf den Stein treten, damit auf dem Opfer herumtrampeln, das Gegenteil einer Ehrerbietung.

In Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde hat ihr von Dr. Norbert Boese geleiteter Freundeskreis die Stolperstein-Aktion für Delmenhorst übernommen. „Geschichte“, so Boese bei der ersten Verlegung von Stolpersteinen am 31. Juli 2006, „soll aus der Anonymität geholt werden und so vor Ort einen Namen erhalten.“ Nach zwei weiteren von Demnig durchgeführten Verlegungen halten insgesamt 35 der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingtafeln das Andenken an Opfer des NS-Regimes wach.

Geschichte aus der Anonymität holen

Exemplarisch soll an dieser Stelle auf Steine vor dem Haus Lange Straße 78 eingegangen werden. Sie sind der jüdischen Familie Rothschild gewidmet. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde die Arztpraxis von Dr. Harry Rothschild boykottiert. Einnahmen blieben aus, und die Familie musste dürftig von ihren Ersparnissen leben. Harry Rothschild durchlitt Haftzeiten in Vechta und im KZ Sachsenhausen und betrieb danach intensiv seine Auswanderung.

Im ehemaligen Wohnhaus der Rothschilds werden jetzt Videospiele angeboten.Foto: Garbas

Im ehemaligen Wohnhaus der Rothschilds werden jetzt Videospiele angeboten.Foto: Garbas

Im Mai 1939 ergatterte er einen Schiffsplatz für die Passage nach Kuba. Seine Ehefrau Mathilde verblieb zur Auflösung des Haushalts und zur Regelung der Vermögensverhältnisse vorerst in Delmenhorst, wenn auch mit der Perspektive, ihrem Mann bald zu folgen. Spätestens aber mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zerschlug sich diese Hoffnung.

Nach den amtlichen Unterlagen wurde Mathilde Rothschild am 18. November 1941 von ihrem letzten Wohnort in Bremen, Feldstraße 27, in das Vernichtungslager Minsk deportiert und dort getötet.

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