Der gebürtige Bremer Stadtplaner Jörn Walter (60) schlägt einen Mietausgleich zwischen Besitzern von City-Gebäuden vor, damit inhabergeführte Läden eine Chance haben.Foto: Schlie Der gebürtige Bremer Stadtplaner Jörn Walter (60) schlägt einen Mietausgleich zwischen Besitzern von City-Gebäuden vor, damit inhabergeführte Läden eine Chance haben. Foto: Schlie
Interview

Jörn Walter: „Mehr Cafés und Blumenläden“

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Die Entwicklung in der Bremer City ist extrem positiv, meint Jörn Walter. Er kann es beurteilen. Der Stadtplaner, ein gebürtiger Bremer, war 18 Jahre lang Oberbaudirektor in Hamburg und prägte dort das Stadtbild.

Weser Report: Herr Walter, Sie waren Oberbaudirektor von Hamburg. In Ihrer Amtszeit entstand die Hafencity. Wie erleben Sie Ihre Geburtsstadt Bremen?

Jörn Walter: Bremen startet durch. Man spürt, dass es in der Stadt viel Bewegung gibt. Für die Entwicklung der Innenstadt ist es extrem positiv, dass sie sich zur Weser hin entwickelt und dass sich mit dem Bau des City Gate auf dem Weg vom Bahnhof zur Innenstadt etwas tut.

Wie kann Bremen sich von anderen Städten abheben?

Die Mischung aus sehr bedeutenden Bauwerken und einem romantischen, kleinteiligen Flair ist charakteristisch für Bremen. Es gibt keine Stadt dieser Größe, die solch eine Mischung hat. Das Ensemble mit Rathaus und dem Dom ist einzigartig und hat jüngst durch die Landesbank eine großartige Ergänzung erfahren. Typisch für die Stadt ist weiter das Bremer Haus, ein Haustyp, den es in dieser Dimension nur hier gibt.

Bremens City steht vor einem Umbruch. Auf was kommt es an, damit die City trotz zunehmenden Online-Handels Besucher anzieht?

Es wird in den Innenstädten eine deutliche Umstrukturierung geben, gerade was den Handel betrifft. Es kommt nicht mehr allein darauf an, die interessantesten Läden zu haben. Ich brauche auch ein interessantes Umfeld. Trotz aller Digitalisierung verlieren die Menschen ja nicht gewisse Grundbedürfnisse, zum Beispiel jenes nach Kontakt und Austausch. Man braucht Stadträume, die eine hohe Erlebnis- und Aufenthaltsqualität bieten. Das bedeutet, nicht nur Laden an Laden zu reihen, sondern auch Gastronomie, Wohnen und anderes zuzulassen. Es bedeutet, die Stadt mit guter Architektur und attraktiven öffentlichen Räumen zu bereichern.

Was schlagen Sie vor?

Die Obernstraße im Bereich von Kaufhof, Lloyd-Passage und Parkhaus könnte durch eine Neugestaltung schon profitieren. Und Am Brill und der Bürgermeister-Smidt-Straße stehen Baukomplexe aus den 1950er und 1960er Jahren mit breiten Straßen, die nicht attraktiv sind. Ich bin überzeugt, dass man in einigen Jahren durch Umstrukturierung, Neubau und Wiederherstellung historischer Wegebeziehungen wieder an Qualität gewinnen kann.

Ist die Architektur heute besser als früher?

Trotz aller Kritik an einzelnen Gebäuden hat die Architektur in den letzten 20 Jahren einen Schritt nach vorne gemacht. Sie ist vielfältiger, feinsinniger und sensibler geworden. Investoren haben wieder ein Interesse an den Innenstädten, auch in Bremen. Das betrifft neben Nutzungsfragen auch die Verbesserung der architektonischen Qualität. Die Städte müssen das nutzen.

Auf was muss sich der Handel einstellen?

Die Bedingungen ändern sich. Aber der Handel war immer im Wandel. Wir hatten die große Welle mit den Einkaufszentren auf der grünen Wiese, worauf die Innenstädte reagieren mussten. Der Warenhaus-Typus war mal dominant, heute gibt es in Deutschland nur noch zwei Warenhaus-Betreiber. Jetzt haben wir eine Diskussion über das Thema Passage. Wie groß müssen die Läden künftig sein? Die Typologien verändern sich. Darauf muss man auch baulich reagieren, wenn man attraktiv bleiben will. Vielleicht gibt es sogar die Chance, durch ein konzertiertes Auftreten von Grundstücksentwicklern, Investoren, dem Handel und der Stadt wieder den inhabergeführten Einzelhandel in den Innenstädten zu etablieren – fernab der ewig gleichen Ketten.

In der Regel wollen Investoren erst einmal ihr eigenes Projekt bestmöglich vermarkten.

Das muss sich ändern und wird sich ändern. Nehmen Sie den Neuen Wall in Hamburg. Einerseits ist er Hamburgs teuerste Lage, andererseits auch eine der langweiligsten, weil Sie nur an Top-Mode-Labels vorbeilaufen, die alle kennen. Wenn man das Mietniveau dauerhaft halten will, muss man den ganzen Straßenzug interessanter gestalten. Er braucht mehr Abwechslung. Es wäre doch wunderbar, wenn es dort auch ein Café gäbe, Platz zum Sitzen oder beispielsweise einen Blumenladen.

Café und Blumenladen werden kaum die Mieten zahlen können, die Luxusmarken bringen.

Richtig. Man braucht eine Organisationsform, die für einen gewissen Mietausgleich sorgen kann. Das könnte zum Beispiel ein Business Improvement Distrikt leisten. Wenn die Straße insgesamt interessanter wird und mehr Leute kommen, führt das mittelfristig dazu, dass die Mieteinnahmen aller Investoren dort steigen.

Warum gibt es dann noch nicht solche Kooperationen?

Vielleicht ist die Not noch nicht groß genug. Aber beim Wohnungsbau funktioniert das ja. In der Hamburger Hafencity vergeben wir Grundstücke an Konsortien; einer baut dann frei finanzierte Eigentums- und Mietwohnungen, der andere Sozialwohnungen, weil Hamburg wie Bremen eine Sozialquote hat. Da müssen die Bauherren ja auch einen finanziellen Ausgleich schaffen, weil die frei finanzierten Wohnungen mehr Einnahmen bringen als die Sozialwohnungen.

Wenn die Läden abends schließen, ist die City fast menschenleer. Wie wird Wohnen in der City attraktiv?

Ein Teil unserer Bevölkerung findet es wieder interessanter, in der Innenstadt zu wohnen als im Grünen. Denen muss man ein Angebot machen. Die Innenstädte werden leiser werden, wenn die Elektromobilität zunimmt, und damit attraktiver zum Wohnen. Da sehe ich große Chancen für Bremen mit der Wallanlage, den Einkaufsmöglichkeiten und dem Freizeit- und Kulturangebot. Auch das Kellogs-Areal wird eine hohe Wohnqualität in zentraler Lage der Stadt bieten.

Ganz ohne Autos werden die Innenstädte in Zukunft nicht auskommen.

Durch die Digitalisierung gibt es die Möglichkeit, das zu ordern, was man gerade braucht: Leihfahrräder, Car-Sharing-Autos, Bus oder Bahn. Wir brauchen Mobilitätsstationen an den Knotenpunkten, wo ich das jeweils benötigte Verkehrsmittel ausleihen kann. In Bremen sind solche Mobilitätsstationen ja geplant. Die ideologischen Debatten um das Auto gehören ins 20. Jahrhundert, wir können das für die Zukunft deutlich entspannter angehen.

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