AOK Bremen-Chef: „Klinikbetten abbauen“ -
Olaf Woggan leitet seit April 2013 die AOK Bremen/Bremerhaven. Foto: Schlie Olaf Woggan leitet seit April 2013 die AOK Bremen/Bremerhaven. Foto: Schlie
Interview

AOK Bremen-Chef: „Klinikbetten abbauen“

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Seit April 2013 leitet Olaf Woggan die AOK Bremen/Bremerhaven, die rund 700 Mitarbeiter beschäftigt und rund 236.000 Versicherte betreut. Im Interview spricht er über über Bremer Krankenhäuser und neue Online-Pläne.

Weser Report: Herr Woggan, Gesundheitsminister Jens Spahn will die Krankenversicherungen angesichts ihrer hohen Rücklagen zwingen, die Zusatzbeiträge zu senken oder sogar zu streichen. Wie reagieren Sie darauf?

Olaf Woggan: Wir gehören ja zu den Krankenkassen, die Überschüsse erwirtschaftet haben. Vor dem Hintergrund haben wir für das laufende Jahr den Zusatzbetrag auf 0,8 Prozent gesenkt. Wir haben so kalkuliert, dass die Chance groß ist, dass wir ihn später nicht wieder anheben müssen. Nach dem Modell des Ministers wären wir aber verpflichtet, innerhalb von drei Jahren unsere Rücklagen abzubauen. Um im sicheren Fahrwasser zu sein, wären wir nach drei Jahren wahrscheinlich gezwungen, den Beitrag wieder anzuheben – das wollen wir nicht.

Warum müssen die Versicherten viele medizinische Behandlungen selbst bezahlen, wenn die AOK Überschüsse erwirtschaftet?

Noch 2015 mussten wir einen kleinen Teil der laufenden Ausgaben aus den Rücklagen tätigen. Und 2014 war es auch so. Wir brauchen also Rücklagen für die Zeit, wenn die Konjunktur nicht mehr so rasend gut läuft und die Einnahmen der Sozialversicherungen nicht mehr so sprudeln wie jetzt.

Die Techniker Krankenkasse will jetzt eine elektronische Patientenakte einführen. Was macht die AOK?

Unser Vorschlag geht schon weiter als der der Techniker. Wir als AOK sind dabei, eine digitale Plattform für den gesamten Datenaustausch im Gesundheitsbereich zu schaffen. Gerade haben wir die technische Dienstleistung dafür ausgeschrieben. Im nächsten Jahr soll die Plattform ans Netz gehen. Da kann der Arzt beispielsweise Daten mit seinen Patienten austauschen, mit anderen Ärzten, mit Kliniken und Apotheken. Auch die privaten Krankenversicherungen können die Plattform nutzen.

Jeder erfährt übers Internet alles über meine Gesundheit?

Nein, die Plattform wird immer vom Arzt gesteuert. Die AOK selbst hat keinen Zugriff auf die Daten der Plattform. Der behandelnde Arzt entscheidet, welche Daten er an wen weitergibt. Und der Patient muss zustimmen. Auf der Plattform werden auch keine Daten gespeichert, die Plattform ermöglicht nur den Austausch.

Wer finanziert die Plattform?

Die AOK geht in Vorleistung. Über Summen kann ich noch nicht sprechen, die Ausschreibung läuft gerade. Später muss sich die Plattform selbst tragen. Aber bei den Details sind wir noch lange nicht.

Baut jetzt jede Krankenkasse solch eine Plattform auf?

Die Idee geht dahin, all diejenigen ins Boot zu holen, die daran ein Interesse haben. Es macht ja keinen Sinn, Parallelstrukturen aufzubauen. Auch die Techniker beispielsweise kann die Plattform für ihre elektronische Patientenkarte nutzen. Wir werden auch das aufnehmen, was schon für die elektronische Gesundheitskarte entwickelt wurde.

Nirgends fühlen sich die Patienten im Krankenhaus so schlecht behandelt wie in Bremen. Zu dem Ergebnis kommt eine bundesweite Studie der Bertelsmann-Stiftung.
Wir finden, dass deutlich mehr für die Patientenzufriedenheit getan werden muss – das kann nicht so bleiben. Wir haben darüber intensiv mit den Krankenhäusern diskutiert.

Wie bewerten Sie die Neustrukturierung des kommunalen Klinikverbundes Geno?

Was da passiert, greift viel zu kurz. Das ist ja nicht die erste Umstrukturierung der Geno. Ich habe schon viele erlebt und am Ende stand immer wieder ein Defizit.

Hilft eine Privatisierung der Geno?

Nein, das glaube ich nicht. Die staatliche Trägerschaft im Krankenhaussektor ist eigentlich ein gutes Modell. Es soll ja am Ende nicht darum gehen, im Krankenhaus möglichst viel Geld zu verdienen, sondern die Patienten anständig zu versorgen. Der Krankenhausbetrieb muss funktionieren, wir dürfen keine permanente Mangelverwaltung haben.

Was heißt das für Bremen?

Vergleichbare Länder wie die Niederlande, Dänemark oder Schweden haben ein deutlich besseres Gesundheitssystem als Deutschland, aber gemessen an der Einwohnerzahl auch weniger Krankenhausbetten. Die setzen nicht auf Quantität, sondern auf Qualität. Daher sind die Patienten dort viel besser versorgt. Und die Länder haben keinen Pflegenotstand, weil sie nicht Unmengen von Betten bewirtschaften müssen. Wir brauchen grundsätzlich andere Strukturen. Das würde für Bremen bedeuten: Ein Drittel der Krankenhausbetten müsste abgebaut werden. Dann ließen sich die verbleibenden zwei Drittel auf einem hohen Qualitätsniveau wirtschaftlich betreiben.

Was plant die AOK selbst?

Wir planen weitere Geschäftsstellen, um in der Fläche noch präsenter zu sein. Im vergangenen Jahr haben wir eine Geschäftsstelle in Vegesack eröffnet, davor im Bremer Westen. Jetzt haben wir in Huchting gegenüber dem Roland Center ein Grundstück erworben. Dort werden wir 2019 eine Geschäftsstelle eröffnen. Außerdem haben wir Verträge über die Einrichtung einer weiteren Geschäftsstelle in Blockdiek/Osterholz unterschrieben. Und in den nächsten Tagen eröffnen wir einen Servicepunkt in der Überseestadt. Außerdem werden wir gemeinsam mit dem Verwaltungsrat im Herbst unser Leistungspaket für 2019 überprüfen und am Jahresende über den künftigen Beitragssatz entscheiden.

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