Das sprechende Murmeltier ist eines der wichtigsten Hilfsmittel bei der Arbeit mit Autisten. Foto: Konczak Das sprechende Murmeltier ist eines der wichtigsten Hilfsmittel bei der Arbeit mit Autisten. Foto: Konczak
Autismuszentrum

Verständnis für die Unverstandenen

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Das Thema Autismus ist noch sehr mit Berührungsängsten behaftet. In Delmenhorst gab es bislang nur eine ambulante Förderung durch die Lebenshilfe. Seit kurzem gibt es zusätzlich im Stadtgebiet ein Autismuszentrum.

Das sprechende Murmeltier „Murmu“ ist eines der wichtigsten Therapiewerkzeuge für Bettina Paul im Umgang mit Kindern. Es plappert alles nach und hilft Heranwachsenden mit Autismus-Spektrum-Störungen dabei, sich und ihre Gefühle auszudrücken, Geschichten zu erzählen und dabei spielerisch den Gebrauch und das Verständnis von Sprache zu verbessern.

Langer Leidensweg bis zur Diagnose

Anfang April hat Paul an der Moorkampstraße 65 das erste Autismuszentrum in Delmenhorst gegründet. „Das Thema Autismus ist noch sehr mit Berührungsängsten behaftet“, sagt sie und fügt hinzu: „In Delmenhorst gab es bislang neben der Ambulanten Autismusspezifischen Förderung durch die Lebenshilfe noch keine therapeutischen Angebote zu dieser Störung.“

Der Weg bis zur Diagnose ist für die Betroffenen, aber auch für deren Angehörige, oft ein langer und der Leidensdruck hoch. „Autisten fühlen sich grundsätzlich unverstanden. Sie beziehen vielfach alles auf sich. Das kann die Ampel sein, die auf rot umspringt, um sie vermeintlich zu ärgern, eine allgemeine Aussage eines Lehrers, die sie als Kritik an sich verstehen und ein Mitschüler, der vor ihnen den Klassenraum betritt. Für die Mitmenschen aus dem Nichts, kann dann ein Wutausbruch folgen“, erklärt Paul.

Autisten fühlen sich unverstanden

„Autisten können soziale und emotionale Signale nur schwer einschätzen. Ihre Reaktionen auf Gefühle und Aktionen anderer Menschen ist selten angemessen“, präzisiert sie. Paul will den Betroffenen dabei helfen, sich so gut es geht, in die Gesellschaft zu integrieren.

„Die Eltern merken zwar, dass ihr Kind irgendwie anders ist. Autismus zu erkennen, ist aber auch für Pädagogen und Ärzte nicht immer einfach“, sagt Paul. Sie würde sich deshalb wünschen, dass auf dieses Thema bereits im Studium mehr eingegangen würde und berät bei Interesse auch Lehrer und Erzieherinnen im Umgang mit Autisten. Es gibt Studien, nach denen auf 1.000 Menschen sechs bis sieben Betroffene kommen.

Struktur in den Alltag bringen

Paul hat eine Ausbildung zur Kinder- und Gesundheitspflegerin absolviert, anschließend Soziale Arbeit studiert und in der Ambulanten Wohnbegleitung für Menschen mit Behinderungen gearbeitet. Eine Fachfortbildung zur Ambulanten Psychiatrischen Pflege und Betreuung nutzte sie, um einige Jahre in diesem Bereich zu arbeiten.

Die Eröffnung des Delmenhorster Autismuszentrums begründet sie damit, dass sie dort noch besser mit den Betroffenen, aber auch deren Familien arbeiten kann. „Die Schuldfrage ist bei den Eltern enorm hoch. Vom Umfeld werden ihnen auch schon mal Erziehungsfehler vorgeworfen. Dabei liegt die Ursache für Autismus in der Genetik“, sagt Paul.

Die Ursache liegt in der Genetik

Bislang gibt es keine medizinische Möglichkeit, Autismus-Spektrum-Störungen zu heilen. In der mehrjährigen Therapie hilft die Expertin den Betroffenen dabei, ihre kognitiven und sprachlichen Fertigkeiten zu bessern, die soziale Interaktion und Kommunikation zu trainieren und den Betroffenen somit ein Leben im sozialen Umfeld zu erleichtern.

Bettina Paul erreicht man unter Telefon 04221 9 81 20 90 oder per Mail an: autismusdelmenhorst@web.de.