Recai Aytas ist Mitglied im Vorstand des Bremer Rates für Integration. Der Sozialpädagoge arbeitet als Migrationsreferent im Kulturzentrum Lagerhaus. Foto: Lürssen
Interview

Recai Aytas: „Höchstes Level der Integration“

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"Integrationsarbeit ist ein Marathon", sagt Recai Aytas. Er muss es wissen: Er ist Mitglied des Rats für Integration in Bremen. Wir sprachen mit ihm im Interview über die Einbürgerungskampagne des Senats.

Weser Report: Der Bremer Senat hat eine Einbürgerungskampagne gestartet. Warum muss man dafür werben, dass Ausländer die schon lange hier leben, die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Warum kommen sie nicht von alleine auf die Idee?

Recai Aytas: Leider ist es so, dass viele hier lebende Ausländer, nicht darüber informiert sind, welche Vorteile es bringt, wenn sie Deutsche werden. Integrationsarbeit ist ein Marathon. Die deutsche Staatsangehörigkeit ist der wichtigste Schritt, die letzte Etappe von diesem Marathon. Wenn Sie einen Antrag auf Einbürgerung stellen, dann sagen Sie, dass Sie Teil der Gesellschaft sind und hier bleiben wollen. Es ist das höchste Level der Integration.

Welche Unterstützung können die Einbürgerungslotsen dabei leisten?

Einbürgerungslotsen sind Personen, die in den vergangenen Jahren selber die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt und bekommen haben. Sie wissen, welche Vorteile es hat. Nachteile gibt es aus meiner Sicht keine. Einbürgerungslotsen sollen die Menschen überzeugen, sie über die Neuigkeiten informieren und ihnen bei Behördengängen zur Antragstellung behilflich sein. Sie arbeiten übrigens ehrenamtlich und erhalten lediglich eine Aufwandsentschädigung von 300 bis 400 Euro pro Jahr.

Wie viele Einbürgerungslotsen gibt es?

Im Moment sind es fünf Personen. Vier weitere sind auf der Warteliste. Das Interesse ist sehr groß. Unser Ziel ist, insgesamt 15 Lotsen zu haben. Es gibt auch einen Koordinator für die Termine und die Schreibarbeit. Er wird die Lotsen an zwei Tagen in der Woche mit insgesamt 16 Stunden unterstützen. Ich begleite die Einbürgerungslotsen ebenfalls.

Gibt es eine spezielle Ausbildung?

Eine Ausbildung ist das nicht, aber sie erhalten schon eine Schulung vom Migrationsamt. Ein paar Workshops sind für nächstes Jahr auch noch geplant.

Erfolgt die Beratung der Lotsen nur individuell und auf Nachfrage oder gehen sie auch zu Treffen von Gemeinschaften um dort über die Möglichkeiten zu informieren?

Beides. Geplant ist, für unterschiedliche Communitys Infotreffen zu organisieren. Das erste werde ich am 18. Dezember durchführen

Wie erreicht man die Integrationslotsen?

Zum Beispiel über bremen.de/einbuergerung, aber auch über den Rat für Integration. Wir versuchen auch über soziale Medien zu werben.

Wie war bislang die Reaktion auf die Kampagne?

Sehr gut. Obwohl wir erst seit ein paar Tagen aktiv sind, kamen schon zehn Personen zu uns, die einen Einbürgerungsantrag stellen wollen.

Was sind die größten Hindernisse für Einbürgerungswillige?

Ich glaube wichtig ist seine Ängste und Vorurteile abzubauen. Es gibt verschiedene Kriterien, die zu erfüllen sind: Acht Jahre Aufenthalt in Deutschland, Nieder­lassungs­erlaubnis, Straffreiheit, finanzielle Unabhängigkeit, deutsche Sprache auf B1-Niveau und der Einbürgerungstest. Der ist aber nicht so dramatisch, wie manche Leute meinen. Das kann man üben. Als Staatsbürger in Deutschland anzukommen heißt heute aber auch, seinen bisherigen Pass abzugeben, es sei denn, man ist Spätaussiedler, der Herkunftsstaat verweigert die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft oder man ist EU-Bürger. In der doppelten Staatsbürgerschaft kann ich eigentlich keine Nachteile, sondern nur Vorteile erkennen. Viele Europäer besitzen mehr als nur einen Pass.

Ist die Entscheidung, die alte Staatsangehörigkeit aufgeben zu müssen, das größte Hemmnis?

Nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 2000 müssen beispielsweise auch Türken in der Regel ihre Staatsbürgerschaft aufgeben, wenn sie Deutsche werden wollen. Seitdem ist ihr Interesse an einer Einbürgerung von Jahr zu Jahr gesunken. Aber viele Menschen wissen gar nicht, dass sie ihre alte Staatsangehörigkeit behalten dürfen, wenn sie die Deutsche annehmen. Das gilt beispielsweise für fast alle EU-Bürger, aber auch für viele andere Staaten. In Deutschland behalten inzwischen sechs von zehn eingebürgerten Menschen laut Statistischem Bundesamt ihre alte Staatsbürgerschaft.

Was sagen Sie zu der Behauptung, die Einbürgerungskampagne sei ein Idee des Senats, um schnell noch ein paar Stimmen für die Bürgerschaftswahl 2019 zu organisieren?

Das ist einfach Unsinn. Ein Einbürgerungsverfahren dauert in der Regel mindestens sechs Monate. Wenn jetzt jemand die Staatsbürgerschaft beantragt, wird er sie bis zur Wahl kaum erhalten.

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