Hobbymalerin und Porzellandoktorin Gabriele Habers im Operationssaal ihrer Klinik. Foto: Fischer
Porzellanklinik

Dr. Riss repariert aus Liebe

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Gabriele Habers kittet zerdepperte Keramikträume in ihrer Porzellanklinik. Sie ist Chefdoktorin und Geschäftsführerin zugleich - ein Einblick in ihre Arbeit.

Von Jens Fischer

Versteckt hat sich die Porzellanklinik vor den Fans des weißen Goldes. Die Adresse lautet seit 2002 zwar Knochenhauerstraße 5, aber nirgendwo ist ein Schaufenster als Werbung inszeniert. Wer erste Hilfe für ein im Rausch zerdeppertes Weinglas oder versehentlich zerpoltertes Geschirr sucht, muss die schnieke Bummelmeile verlassen, zur Herdentorwallstraße abbiegen und sich dann gleich wieder rechts orientieren, wo dunkler Hinterhofcharme lockt. Über einem verschwiegenen Eingang hängt ein kleines Schild als Verweis auf den Arbeitsplatz von Gabriele Habers.

„Mutter der Porzellankiste“ nennt sie sich, trägt einen weißen Arztkittel, „Dr. Riss“ steht darauf und auf dem Rücken prangt ein rotes Kreuz. Sie ist Chefdoktorin und Geschäftsführerin der Porzellanklinik. Regale voller Splitter, Scherben sowie schwerstverletzter Porzellan-Ballerinas, -Pferden, -Katzen und -Engelchen zieren die Wände – als wären es Ausstellungsstücke einer archäologischen Grabung. Die Räume sind Atelier und Werkstatt.

Werkeln im kreativen Chaos

Der Geruch frischer Farbe dringt aus dem Malersaal, wo Muster auf Tellerchen nachgebessert oder Farbflächen mit der Airbrush-Pistole aufgetragen werden. Ein Zahnarztbohrer kann mit ungezählten Aufsätzen für eine fiese Geräuschkulisse, ein Brennofen für Wärme sorgen. Skalpelle, Pinsel, Zangen, Spatel und feuchte Lappen liegen herum. Kreatives Chaos. Zwei Aushilfen beschäftigt Habers. Sie werkelt häufig auch allein in ihrem Reich.

Rund 1.000 Aufträge kommen im Jahr rein. Viele abgebrochene Henkel, die für 32,50 Euro wieder mit der Tasse verbunden werden. Gerade auch ein Suppenschüsseldeckel, der in acht Teile zerbrochen ist. Sie wieder zusammenzufügen koste 176,50 Euro, so Habers, „hinzu kommen 185 Euro fürs Restaurieren der Fehlstellen mit einer keramischen Masse“. Ob hochwertiges Porzellan oder Gipskeramik vom Flohmarkt – die Preise richten sich nicht nach dem Wert des Objektes, sondern nach dem Arbeitsaufwand.

Zwei Teelöffel Kleber für 185 Euro

Der Arbeitsablauf ist stets sehr ähnlich. Erstmal werden die kaputten Objekte bei 560 Grad im Ofen von allem Dreck gereinigt, in den ursprünglichen Zustand gepuzzelt und dann mehr als 1.000 Grad ausgesetzt. Nur ein feiner Haarriss bleibt eventuell sichtbar, dafür seien die Tassen, Teller oder Vasen aber wieder voll gebrauchsfähig und spülmaschinentauglich, so Habers. Ist der Klebstoff ein Geheimnis? „Es gibt gar keinen, ich nehme Glasur, damit brennen wir die Teile zusammen“, stellt sie klar.

Bei Glas allerdings kommt ein extra aus den USA bezogener, von der Nasa entwickelter Kleber zum Einsatz, zwei Teelöffel davon kosten 185 Euro.

Chefin seit 1983

Die Klinik gibt es seit 1942. „Damals wurde noch mit Butter oder Briketts für die Operationen bezahlt“, so Habers. Den Betrieb führte ihr Ex-Schwiegervater im Bremer Viertel. „Ich gab aus Liebe zu seinem Sohn mein Biologie- und Psychologiestudium auf und übernahm die Malerarbeiten auf dem Porzellan“, erzählt Habers.

1983 hat sie den Laden übernommen. Daheim in Mahndorf malt die Hobbykünstlerin auch noch heute – gern mal was Erotisches für ihren Mann, auch Kopien von Vincent van Goghs Mohnfeldern der Provence oder Jugendstilprächtigkeiten Gustav Klimts.

Immer noch die älteste Porzellanklinik Deutschlands

Habers arbeitet als 64-Jährige 22 Stunden die Woche, sozusagen in Altersteilzeit. Kann sie davon leben? „Ja, nur in den mauen Sommermonaten ist es gut, dass mein Mann auch verdient.“ In den 1980er/90er Jahren war das anders, „nämlich eine Goldgrube hier“, so Habers, „ich hatte acht feste Mitarbeiter.“ Mit einem Geschäftspartner wollte sie die Porzellanklinik als Franchise-Unternehmen bundesweit am Markt platzieren und hat die Leute dazu angelernt. Anstatt Lizenzen zu bezahlen, hätten die sich aber schnell selbstständig gemacht, so dass die Firma Porzellan Klinik System bald insolvent war.

Habers agiert mit ihrem Online-Shop inzwischen weltweit mit dem Argument, dass ihre Porzellanklinik weiterhin die älteste Deutschlands sei. Aber nicht nur wegen der Mitbewerber hat Habers mit sinkendem Umsatz zu kämpfen. „Das begann mit den steigenden Arbeitslosenzahlen, auch schätzen die Leute gutes Porzellan heute nicht mehr so.“

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