Reiner Schulz hat die Esso-Tankstelle am Stern vor gut zwei Jahren gepachtet. Foto: Schlie
Reportage

In einem Rutsch Eis für 300 Euro

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An der Tankstelle am Stern ist Süßkram mehr gefragt als Benzin. Und wenn Pächter Reiner Schulz nach Hause fährt, blinkt oft die Warnleuchte.

„Hallo, kann mir bitte jemand helfen?“ Eine hilflos wirkende Frau steckt den Kopf durch die Tür des Tankstellen-Shops am Stern. Mitarbeiter Louis Gädert eilt herbei und folgt ihr zur Zapfsäule. „Vermutlich weiß sie nicht, wie
man den Tankdeckel öffnet, oder nicht, was sie tanken soll“, mutmaßt sein Chef Reiner Schulz. Denn eine solche Szene spielt sich hier beinahe täglich ab.

Die Mitarbeiter Louis Gädert und Andreas Frerichs. Foto: Schlie

Auch Dajana Bruhn und Anne Wilke kommen fast täglich in die Esso-Station. Die beiden Frauen arbeiten in der benachbarten Rechtsanwaltskanzlei und decken sich bei Schulz mit kleinen Snacks ein. Im Sommer kaufen sie  auch mal für rund 300 Euro 60 Eis in einem Rutsch. „Unsere Chefs sind nett und geben an warmen Tagen gerne mal einen aus“, erklären die beiden lachend.

Kunterbunte Kundschaft

Auch die nächsten zwei Kunden versorgen nicht ihre Autos, sondern sich selbst: Paul Kob und Maria Kelsch holen sich auf dem Weg zur Universität noch einen Coffee-To-Go. „Tatsächlich machen wir mit Getränken, Süßigkeiten, Zigaretten und Backwaren mehr Geld als mit Sprit“, sagt Tankwart Schulz. Wie bestellt kommt ein kleiner Junge herein und schleicht beinahe lautlos zwischen den Regalen umher – einen fünf Euro Schein in der Hand, den er später in Schokoriegel investiert.

Überhaupt hat der 57-jährige Pächter viele junge Kundschaft. „Die kommen von der Grundschule an der Parkallee beziehungsweise vom Hermann-Böse-Gymnasium“, weiß sein Angestellter Louis. Die Schar der Kunden ist  kunterbunt. „Angefangen bei einer etwas verwirrten Frau, die täglich an der Bushaltestelle gegenüber bettelt, um anschließend bei uns mit dem Kleingeld Kleinkram zu kaufen, bis zum Millionär im Bentley.“

Manche Kunden stranden an der Tanke

Auch viele Fußballspieler und Funktionäre tanken an Schwachhausens Dreh- und Angelpunkt auf. Und dann gibt es noch jene, die dort regelrecht stranden. „Einige kommen mit dem Kreisverkehr und der Verkehrsregelung vor Ort nicht klar. Sie fahren verzweifelt bei uns auf den Hof und fragen, ob wir ihnen raus helfen können“, erzählt Schulz. Jüngst habe sein Team den Fahrer eines Flixbusses wieder in die Spur bringen müssen. Dabei ist auf dem eng bemessenen Gelände durchaus Platz für solche Großkaliber. „Wir haben viele Busfahrer, die hier einen Tankstopp einlegen.“

Schmuckstück: Ein niedliches Graffity ziert die Wand der Waschanlage. Foto: Schlie

Das tun auch Polizei und Feuerwehr. Dem gebürtigen Findorffer ist es sehr recht. Denn die Wagen der Ordnungshüter schreckten sicherlich jene ab, die es mit Recht und Ordnung nicht so genau nähmen. Und vor  Ladendiebstahl sei ja heute niemand gefeit. Dennoch: „Der Mix aus Menschen macht diesen Job aus. Ich komme jeden Morgen lachend zur Arbeit und fahre genauso nach Hause“, sagt der gelernte Bäcker. Ob der Kaufmann im aktuellen Job kleine Brötchen backen muss oder große Sprünge wagen kann, will er nicht sagen. Umsatzzahlen bleiben geheim.

Fahren bis der Sprit zu Neige geht

Dafür erzählt er noch ein bisschen aus seinem Privatleben. Seine Lebensgefährtin war mal seine Mitarbeiterin. Inzwischen betreibt sie selbst eine Tankstelle – in Rönnebeck. Mit ihren zwei Huskeys leben die Beiden in Loxstedt. Schulz hat also einen langen Arbeitsweg. Man möchte meinen, dass er stets genügend Sprit im Tank hat. Doch Reiner Schulz sagt: „Wenn ich zu Hause bin, blinken oft die Warnleuchten auf, weil das Benzin zur Neige
geht. Aber die Kollegen sind dankbar, wenn ich dann mal bei ihnen vorbei schaue.“

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