Nicht nur Kaisens Haus und Scheune sind in Borgfeld zu besichtigen. Foto: Drugemöller
Geschichte

Steine klopfen und reden

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Der Mann war schon zu Lebzeiten eine Legende: Wilhelm Kaisen. Auf den Spuren eines Bürgermeisters.

Von Lotta Drügemöller

„Ik gah nah Kaisen“ – so hieß es über viele Jahre in Bremen. In der Nachkriegszeit war das Haus des Bürgermeisters Wilhelm Kaisen Anlaufstelle für unterschiedliche Anliegen. Bremer fragten dort nach Essen, nach Hilfe oder redeten sich das Kriegsleid von der Seele. Und enttäuscht, so erinnert sich Tochter Ilse Kaisen, wurden sie selten: Mutter Helene Kaisen half, wo sie konnte, suchte  nach Essen oder kontaktierte die Behörden. Es ist kein Wunder, dass die Bremer diesen Bürgermeister (1946-1965) nicht vergessen haben.

Die Wilhelm-Kaisen-Brücke, der Wilhelm-Kaisen-Platz, der Wilhelm-Kaisen-Park und eine kleine Statue in der Innenstadt bezeugen seinen Ruhm. Und wer heute „nah Kaisen“ geht, wer heute das alte Siedlungshaus in  Borgfeld besucht, der nimmt vielleicht den Weg über die Bürgermeister-Kaisen-Allee, bevor er in den Rethfeldsfleet einbiegt, vorbei an Einfamilienhäusern, bis er ganz zum Schluss, vor den offenen Feldern, auf das alte Wohnhaus und die Scheune der Bürgermeisterfamilie trifft.

Das Siedlerleben war hart

Als die Kaisens 1933 als Siedler nach Borgfeld zogen, sah es hier noch anders aus: Als „Ödland ohne Baum und Strauch“ bezeichnet Ilse Kaisen das Grundstück, das als letzte Siedlerstätte noch frei war – und dem ehemaligen
SPD-Senator und seiner Familie die Möglichkeit gab, abseits der Bremer NSDAP-Regierung ein neues Leben als Landwirt zu beginnen.

Tochter Ilse, damals zehn Jahre alt, hat ihre Erinnerungen an die ersten Jahre im Siedlerhaus 2003 niedergeschrieben. Sie erzählt, wie die Familie das Melken lernen musste, wie die Kleidung an monatlichen Waschtagen  mühevoll per Hand gewaschen und ganz braun durch das eisenhaltige Brunnenwasser wurde; sie erzählt von Gemütstiefs der Mutter, die sich anfangs nicht leicht an das harte Siedlerleben gewöhnen kann, aber auch vom Zusammenhalt zwischen den Siedlern in der Nachbarschaft.

Eine Dokumentationsstätte zur Erinnerung

Dank der Stiftung, die sie und ihr Bruder Franz ins Leben gerufen haben, steht die Scheune als Dokumentationsstätte und seit einigen Jahren auch das alte Wohnhaus jeden zweiten Sonntag im Monat zur Besichtigung
offen. Familien mit Kindern, Männer und Frauen aus allen Altersgruppen verbringen den Tag hier. Audioguides begleiten die Besucher durch die Ausstellungsräume – oder man verlässt sich gleich auf die Erzählungen
der ehrenamtlichen Mitarbeiter.

Eine von ihnen ist Gunda Wegner. Die Sozialdemokratin ist, so sagt sie selbst, „mit Wilhelm Kaisen aufgewachsen“. Sie meint das nicht wörtlich, aber im Arbeiterstadtteil Hastedt, in dem sie aufwuchs, war der SPD-Bürgermeister einfach als wichtige Identifikationsfigur präsent. Eine Bekannte, die heute 90 Jahre alt ist, habe ihn tatsächlich persönlich gekannt. „Sie hat mit ihm Steine geklopft und seine Reden vor dem Rathaus
gehört.“

Jürgen Linke führt die Besucher durch die Räume

Steine klopfen und Reden halten – beide Pole im Leben des Wilhelm Kaisen werden in der Dokumentationsstätte abgebildet. Ein Film mit Orginalaufnahmen läuft in der ehemaligen Scheune, berichtet davon, wie Kaisen
nach dem Krieg erst überredet werden musste, sich wieder für Ämter zur Verfügung zu stellen, wie er sich in Amerika erfolgreich für den Wiederaufbau der Bremer Häfen stark machte und wie Bundespräsident Theodor
Heuss zum Ochsen Streicheln nach Borgfeld in die Siedlerstelle kam.

Nebenan, im Wohnhaus, steht das private Leben stärker im Mittelpunkt. „Ist das noch die Zeitung von früher?“, will ein etwa zehnjähriger Junge wissen und deutet auf das Brennmaterial im Torfofen. Hier muss Jürgen
Linke, der ehemalige Borgfelder Ortsamtsleiter, der heute als Ehrenamtlicher die Führung übernimmt, leider verneinen – aber sonst ist noch der Großteil der Wohnküche original: Die Kaffeemützen und die Anrichte, der  Sockenhalter und die Küchenbank.

Die Küche ist fast genauso eingerichtet wie damals. Bis 2005 hat Tochter Ilse Kaisen noch selbst hier gelebt. Heute erzählen Jürgen Linke (Foto) und andere Ehrenamtliche wie es sich dort gewohnt hat. Foto: Drugemöller

„Das kenn ich auch noch, diese Oberfläche, das komische Zeug“, eine ältere Dame zeigt auf den Küchenschrank. Und ihre Freundin fackelt nicht lange, sondern erkundet schon die Kohleschubladen des Küchenherdes. „Meine Oma hatte auch so einen“, erinnert sie sich. „Für uns ältere Semester ist es natürlich auch eine Reise in die Vergangenheit“, sagt Ingeborg Sagkob. Die Innenstadtbremerin hat das Kaisenhaus vor einigen Jahren schon einmal besucht.

Nun hat sie als Kohlkönigin eine ganze Kohltour mit hierher genommen. Die Kohlgesellschaft macht sich inzwischen wieder auf den Weg, weiter zum Gasthaus. „Überrascht bin ich, wie schön es hier ist“, meint eine der Kohlfahrerinnen. „Kann gut sein, dass wir noch mal wiederkommen.“

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