Ahmet Dogan (2.v.r.) hat von 1969 bis 1983 für die Nordwolle gearbeitet und kann vieles über die damalige Zeit im Werk berichten. Foto: Meyer
Geschichte

Rückkehr der ersten Generation

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Die islamischen Gemeinden Mevlana und Ditib luden ehemalige Gastarbeiter in das Fabrikmuseum ein. Die alte Belegschaft aus der Türkei kam Ende der 60er-Jahre nach Delmenhorst, um bei der Nordwolle zu arbeiten.

Auf dem Weg in die Turbinenhalle heißt es Kopf einziehen, wenn man der knapp 25 Mann starken Gruppe ehemaliger Arbeiter durch die teils dunklen und engen Gänge der Fabrik folgt. Für diese bedeutet die Museumsbesichtigung am Freitag auch eine Rückkehr, sie sind die erste Generation der sogenannten Gastarbeiter. Die Idee zu einer Besichtigung mit den früheren Mitarbeitern hatten die islamischen Gemeinden Mevlana und Ditib in Delmenhorst.

Ahmet Arslan ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Mevlana Gemeinde zuständig. Er erzählt: „Man muss sich vorstellen, dass die Herren damals gegen Ende der 60er Jahre am Bahnhof in Delmenhorst ankamen und direkt hier in der Fabrik empfangen wurden.“ Der Termin in der Turbinenhalle soll auch dem Austausch zwischen Generationen dienen, die damaligen Arbeiter sind heute Mitte 70. Unter ihnen ist auch derjenige, der als erster im Jahr 1969 zur Arbeit in der Wolle Fabrik nach Deutschland kam. Ahmet Dogan erinnert sich, dass er damals, 1983, quasi das Licht ausgemacht hat. Die ersten vier Jahre verbrachte er allein in Deutschland, dann konnte er seine Familie aus der Türkei holen.

Einsichten in die frühere Arbeitsrealität

Nach der damaligen Ankunft wurde direkt in der Fabrik gearbeitet. Eine Kantine gab es nicht, vom Vorschuss mussten die Arbeiter aus der Türkei ihre eigene Versorgung organisieren. Das Gehalt rangierte für die Arbeiter zwischen 400 und 800 Mark im Monat, wobei die höheren dieser Gehälter für die Vorarbeiter gedacht waren. Zum Vergleich: der Kilo Zucker habe damals 25 Pfennig gekostet, wie ein ehemaliger Arbeiter berichtet.

Ahmet Arslan übersetzt, als die Frage aufkommt, was die damaligen Gastarbeiter zur Arbeit nach Delmenhorst gezogen habe. Dies sei aus der finanziellen Not heraus geschehen, viele sahen in ihrer türkischen Heimat damals keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. In der Türkei seien die Arbeiter durch Arbeitsämter ausgewählt worden, die ihren Sitz beispielsweise in Istanbul hatten. Nur kerngesunde Männer Anfang bis Mitte 20 kamen in Frage, so heißt es, dass schon Bluthochdruck ein Ausschlusskriterium für die Reise als Arbeiter nach Deutschland gewesen sei. Auch Qualifikationen wurden in den Ämtern nachgefragt, zur Nordwolle kamen etwa mehrheitlich solche Arbeitskräfte, die über Qualifikationen als Schneider oder ähnliches verfügten. Bei aller Vorkenntnis stimmen die Berichte vieler überein, dass der Umgang mit den großen Maschinen, die bei der Nordwolle zum Einsatz kamen, erst vor Ort erlernt werden konnte.

Der Leiter des Fabrikmuseums, Carsten Jöhnk, heißt die Besucher herzlich willkommen und bezeichnet sein Museum als einen Ort, den seine Besucher viel besser kennen als er. „Für uns ist dieser Besuch ein richtiges Geschenk“, sagt er. Bei der Begehung der alten Fabrik machen viele der Besucher Fotos und Videos mit ihren Smartphones, immer wieder versammeln sich kleinere und größere Gruppen und tauschen Erfahrungen und Geschichten aus.

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