Für Janneke de Vries hat ein komplett neuer Lebensabschnitt begonnen - sowohl privat als auch beruflich. Foto: Fischer
Rundgang

Zeit des Aufbruchs für Janneke de Vries

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Weserburg-Chefin Janneke de Vries ist von Hamburg nach Bremen gezogen. Jetzt entdeckt sie ihr Quartier.

Von Jens Fischer

Leise verstummt der Winter, und Leben dehnt sich aus. Erste grüne Blätter schaukeln an den Zweigen, es keimen Blüten, der eisig fegende Wind verwandelt sich in einen lau säuselnden.
Und natürlich dringt der Sonne goldene Kraft tief bis ins Geblüt hinein. Es ist die Zeit des Aufbruchs. Zeit für Janneke de Vries. Sie hat Peter Friese als Direktor der Weserburg abgelöst und
eröffnete am 29. März ihre erstmal auf acht Jahre vertraglich fixierte Ära in dem Museum mit der Vernissage zu „So wie wir sind 1.0“.

Was hat sie an dem neuen Job gereizt? „Ich mag Herausforderungen. Ich möchte mithelfen, für uns den Ruf als eines der besten Museen für Gegenwartskunst in Deutschland zu etablieren.“ Gleichzeitig ist sie aufgebrochen, um sich selbst in Bremen zu etablieren. Sechs Jahre hat sie als ehemalige GAK-Leiterin zwar schon mal im Viertel gewohnt, lebt seit vier Jahren aber mit ihrem Mann und dessen Kind in Hamburg-Altona. Jetzt ziehen
sie in eine Wohnung an der Joseph-Haydn-Straße. Eigentlich wollten sie zwar nach Peterswerder oder ins Flüsseviertel „aber Wohnungen in Schwachhausen sind deutlich bezahlbarer“, sagt sie, „und viel ruhiger.“ Schön grün sei es zudem und ein angenehm öffentliches Leben finde rund um die Wachmannstraße statt – ihrem neuen privaten Heimatquartier.

Ein Fan des Elefanten aus Backstein

Wie sieht es mit dem Beruflichen aus, was hat sich geändert, wenn Besucher nach der monatelangen Schließung in die Weserburg zurückkehren? „Es wird sich so Einiges im neuen Gewand zeigen: Es gibt einen freien Blick auf die Weser, großzügigere Raumabfolgen, neue Blickachsen, ein umgestalteter Eingangsbereich, ein klares Leitsystem für eine bessere Orientierung im Haus, ein neuer grafischer Auftritt. Aber ich denke, dass auch eine veränderte Atmosphäre spürbar wird: mehr Angebote, mehr Aufenthaltsqualität, ein spezifischer Umgang mit den Kunstwerken, deren Inhalte neu in den Blick genommen werden.“

Schon am Eingang Schwachhausens fasziniert de Vries derweil die zehn Meter hohe Elefanten-Skulptur. „Ich mag einfach Elefanten und ich mag Backsteine“, sagt sie, „und ich mag, wie der guckt, so bedröppelt, weil er so  einiges durchgemacht hat an Bedeutungsverschiebung.“ 1931 nach einem Entwurf des Berliner Bildhauers Fritz Behn als Reichskolonialehrendenkmal errichtet, sollte es für den Wiedergewinn der ehemals deutschen Kolonien werben, nach dem 2. Weltkrieg wurde ein Abriss diskutiert, der Elefant dann aber im Jahre 1989 zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet. Er ist also eher ein Politikum als moderne Kunst.

Welche Tendenzen sind dort gerade reizvoll und werden zukünftig in der Weserburg besonders fokussiert? „Ich versuche mich aus Moden im Kunstbetrieb herauszuhalten, trotzdem gibt es natürlich Dinge, die mich mehr oder weniger interessieren. Kunst mit Rückgrat, Kunst, die etwas will und dafür unerschrockene Bildsprachen findet, finde ich immer reizvoll. Ebenso wie das Verspielte, vielleicht Verschrobene und Humorvolle. Oder das Zurückgenommene, Poetische, das erst auf den zweiten Blick erkennbar wird, dafür aber umso größere Überraschungen birgt“, erzählt de Vries, „außerdem finde ich es hervorragend, dass sich weibliche Künstler derzeit auf dem Vormarsch befinden – endlich und angesichts der großartigen Qualität völlig zu Recht. All das wird auf unterschiedliche Weise auch an den Ausstellungen der Weserburg ablesbar werden.“

Foto: Fischer

An der Wachmannstraße hat sich de Vries schon mal die zukünftigen Einkaufsmöglichkeiten angeschaut und den kleinen Markt auf dem Benqueplatz entdeckt. „Angenehme Auswahl“, sagt sie und bevorratet sich für
den Tag mit Vitaminen. Auch in der Buchhandlung Thorban, die schon seit über 50 Jahren in dem Quartier residiert, schaut sie vorbei. „Denn ich möchte mir die Amazon-Bequemlichkeit abgewöhnen und meine Bücher zukünftig vor Ort kaufen, um den Einzelhandel zu unterstützen.“

Dabei kann sie natürlich schon mal aufmerksam machen auf das, was sich in der Weserburg so tut. Sie zeigt das neue Logo. Die charmant dahingekritzelte Silhouette der ehemaligen Speicherhäuser auf der Weserinsel, gern auch als Krönchen wahrgenommen, sollten auf ihren Wunsch beibehalten, aber versachlicht werden. Und sehen nun so nüchtern aus wie picobello gerade aneinandergereihte Bleistifte. Das Wort „Weserburg“ daneben ist ebenso schlicht – genutzt wird die serifenlose Schrifttype Neue Haas Grotesk.

Der neue Fokus liegt auf den Kunstwerken

Wobei die 50-jährige Chefin so gar nicht diesen kühlen Ernst ausstrahlt. Derzeit aber von morgens bis abends unter Strom steht, ihr neues Museumskonzept gleich mit ihrer ersten Ausstellung zu verdeutlichen. Statt wie bisher einzelne private Kunstsammlungen in einer exemplarischen Auswahl vorzustellen, sollen nun die Kunstwerke selbst fokussiert werden. Mit der längerfristig, also bis Anfang 2020 laufenden Präsentation „So wie wir sind 1.0“ möchte de Vries über zwei Etagen einen exemplarischen und vielseitigen Einblick durch die neuere Kunstgeschichte und ihre inhaltlichen und formalen Fragestellungen vermitteln.

„Avantgarde-Bewegungen wie Fluxus, Nouveau Réalisme, Konkrete Kunst, Sound, Minimal oder Conceptual Art, für die die Weserburg seither bekannt ist, bilden weiterhin die Schwerpunkte. Erweitert werden sie von Werkgruppen und wichtigen Einzelarbeiten national wie international bekannter Künstler sowie Neuentdeckungen, die den Weg über die 1980er und 1990er Jahre in die unmittelbare Gegenwart vollziehen.“

Die Schau speise sich aus den Sammlungen, mit denen das Haus bereits zusammen arbeitet, werde aber erweitert von Leihgaben und in regelmäßigem Turnus in Teilen erneuert, so dass der Besuch wiederholt lohne. So will de Vries „ein konsequentes Alleinstellungsmerkmal für die Weserburg als Europas erstem Sammlermuseum formulieren.“ Deshalb mache es absolut Sinn, „mit dieser Ausstellung meine Ausstellungsarbeit zu starten.“

„Kunst bietet uns das Unerwartete im Bekannten“

Was ist konkret von der Schau zu erwarten? „Wir haben die Werke unter spezifischen Themensetzungen zusammengestellt wie etwa ,Zufall als Produzent‘, ,Urbane Räume‘, ,Körper als künstlerisches Material‘ oder
,Malerische Ungegenständlichkeit‘. Die Kombination der Arbeiten folgt dabei keiner zeitlichen Chronologie, sondern vollzieht vielmehr nach, was sich seit den 1960er Jahren bis heute fortgesetzt, was sich aber auch in ganz unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt hat.

Reibungen, Ergänzungen, Brechungen oder überraschende Harmonien werden aufgezeigt“, so erklärt de Vries. „Hinzu kommen Räume, die mit Wolfgang Tillmans und Mariana Vassileva zwei herausragenden Einzelpositionen gewidmet sind. Ich denke, die Präsentation birgt so manche Überraschung und derart vielfältige Werke, dass wirklich für jeden etwas dabei ist.“

Wirklich für jeden? Warum könnte sogar Bremer, die bisher nicht so den Zugang zu zeitgenössischer Kunst haben, das interessieren? „Es macht einfach Spaß, durch unsere Räume zu gehen, das Spiel zwischen Kunst und Ausblick zu genießen und immer wieder auf Unerwartetes zu stoßen. Denn das Unerwartete im Bekannten kann gerade die zeitgenössische Kunst uns bieten.“

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