Beim Pessach-Fest drängen Lebenslügen an die partyfidele Gesprächsoberfläche, befeuert von Holocaust-Erinnerungen, Liebesbeben, dem Nahost-Konflikt und Fragen religiöser Identität: Wajdi Mouawads Stück „Vögel“ triumphiert am Theater Bremen. Foto: Landsberg Beim Pessach-Fest drängen Lebenslügen an die partyfidele Gesprächsoberfläche, befeuert von Holocaust-Erinnerungen, Liebesbeben, dem Nahost-Konflikt und Fragen religiöser Identität: Wajdi Mouawads Stück „Vögel“ triumphiert am Theater Bremen. Foto: Landsberg
Theater

Saisoneröffnung mit emotionalem Furor

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Top und Flop: Das Schauspiel am Theater Bremen feiert Saisoneröffnung.

von Jens Fischer

Die Aufmerksamkeit des Publikums mit eindrücklichem Theaterdonner nach der Sommerpause zurückzugewinnen, ist Aufgabe der Produktionen zur Saisoneröffnung. Also engagierte das Theater Bremen die bundesweit als super feministische, super lustvoll durchgeknallte, super mit Migrationshintergrund aufwartende Jungregisseurin Pinar Karabulut.

Mit ihrer Vorliebe für trashiges Poptheater sollte sie eine „humanoide Komödie“ des iranischen Autors Mehdi Moradpour zur Uraufführung bringen unter dem Titel „Attentat oder frische Blumen für Carl Ludwig“. Tine Werner entwarf ihr in einem Fantasierausch extravagante Kostüme einer ausgeflippt düsteren Zukunft. Bettina Pommer stellte einen prunkvollen Altar für Sektschlürfer auf die Bühne.

Ärgernis Text

Es funkelt, glitzert, nebelt. Optisch ist also alles reizvoll vorbereitet. Aber dann – der Text. Sprachspielerisch tippt Moradpours assoziativer Schreibstil überreichlich angesagte Zeitgeist-Sujets an, verzichtet dabei aufs Flechten roter Fäden, so dass das Wortemosaik an der Oberfläche des Namen- und Themendroppings dahinmäandert.

Die Regie weigert sich konsequent, einen Weg durch den Sprachdschungel zu schlagen und doppelt stattdessen die Dramaturgie des Autors, entwickelt also nicht Sätze wie Szenen auseinander, sondern stellt sie nebeneinander. Ein Ärgernis.

Berührende Produktion geschaffen

Ein umjubelter Erfolg folgte mit Alize Zandwijks poetisch verdichteter Inszenierung von Wajdi Mouawads Stück „Vögel“. Die Chefregisseurin des Sprechtheaters analysiert im Zusammenprall der jüdischen und arabischen Kultur das Thema Identität. Zudem wirft sich Zandwijk rückhaltlos ins Pathos der wirkungssicher konstruierten Erzählung, emotionalisiert die politischen Konflikte, so dass die Aufführung auf allen Ebenen ihrer verzweifelnden Sehnsucht nach Frieden, Verständnis und Liebe funktioniert.

Eine berührende Produktion über soziales Miteinander in Zeiten identitärer Radikalisierung, über Kämpfe um die jeweils eigene Ich-Erzählung und ein Leben zwischen Krieg, Terror und panischer Waffenstillstandsruhe an der Demarkationslinie unversöhnlicher Ideologien.

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