Automatisch verloren: Im Büro von Simone Beilken bei der Anonymen Drogenberatung ist der Papierschredder wie ein klassischer einarmiger Bandit hergerichtet. Foto: Konczak
Glückspielsucht

Das Spiel mit Kartenhäusern

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Die Anonyme Drogenberatung bietet Beratung und Hilfe bei der Glückspielsucht.

Der würzige Geruch von Zigarettenqualm liegt in der Luft, die schummrige Beleuchtung komplettiert den Eindruck, dass man die Außenwelt beim Betreten der Spielhalle verlassen hat. Man befindet sich in einem eigenen Kosmos, beherrscht von bunten Bildschirmen und unaufdringlichen Klangeffekten. Jedes Spiel ist eine Show, schon nach wenigen Tastenschlägen verwandelt sich die eigene Wahrnehmung in einen Tunnelblick. Der Sog der Spielhalle ist nicht von der Hand zu weisen.

„Ich schätze, in Delmenhorst sind es über 1.000, die ein problematisches und pathologisches Glückspielproblem haben“, sagt Simone Beilken. Die Diplom-Pädagogin ist seit über zehn Jahren in Delmenhorst und kümmert sich bei der Anonymen Drogenberatung (Drob) um das Thema Glückspielsucht. Beilken kennt statistische Erhebungen zur Glückspielsucht aus dem Kopf, ihr Büro wird von einer Regalwand beherrscht, in der sich unter anderem Bücher mit Titeln wie „Glücksrausch“ oder „Jackpot“ finden.

Die Suchtentwicklung

Dabei sei der eine große Jackpot nicht zwingend der Beginn einer Glückspielsucht, wie Beilken erklärt. Eine Suchtentwicklung könne durch soziale Komponenten, also die „Kumpel in der Halle“, wie Beilken sich ausdrückt, oder etwa als Mittel gegen die Langeweile forciert werden. Eigentlich immer fänden sich auch biografische Brüche im Leben von Süchtigen. Beilken spielt auf schwierige Verhältnisse zu den Eltern oder Erfahrungen mit sexueller Gewalt an. Sie stellt eine simple Gleichung auf: Wenn eine Vorbelastung auf die Dopaminausschüttung eines Spielautomaten treffe, entwickele sich tendenziell eine Sucht.

Woher kommt das Geld, das verspielt wird? Beilken seufzt und erzählt von Gehältern und von Kindergeldern, die gleich nach Erhalt zum Verspielen genutzt würden. Letzten Endes nähmen Süchtige Kredite auf, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch bei Freunden und Verwandten würden sie Geld leihen, so ihre Erfahrung. Die Süchtigen würden sich zu Spezialisten in der Geldbeschaffung entwickeln, die Gedanken würden viel um dieses Thema kreisen. Beilken selbst wundert sich, wie einfach die Beschaffung von Geld durch neue Kredite und ähnliches möglich sei. Aber, ergänzt sie, „acht bis zehn Jahre, dann ist das Kartenhaus zusammengefallen.“ Statistisch hätten ein Viertel der Süchtigen auch schon kriminelle Wege genutzt, um Geld für das Glückspiel zu beschaffen.

Schulden oder Schreddern

„30 Prozent der Spieler haben mehr als 10.000 Euro Schulden. 10 Prozent der Spieler haben mehr als 50.000 Euro Schulden“, heißt es in einer Mitteilung der Drob. „Schreddern wäre eine Alternative“, steht darüber. Auf die Frage, ob es auch Gewinner beim Glückspiel gäbe, antwortet Beilken: „Die großen Gewinner sind die Anbieter.“ Die Spielhallen selbst würden das Problem der Glückspielsucht aber durchaus erkennen. So erzählt Beilken von Schulungen, die bei großen Spielhallen durchgeführt werden würden. Durch diese sollen Mitarbeiter darauf sensibilisiert werden, etwaige Zeichen von Spielsucht zu erkennen. Sie sprechen die Spielenden dann beispielsweise darauf an, ob sie nicht eine Pause machen wollen.

Bei Beilken selbst werden in der Regel zwei Arten von Süchtigen vorstellig: einerseits die, die von anderer Seite geschickt werden, andererseits die, die von selbst zu ihr kommen, um Hilfe zu finden. Die Personen seien immer sehr unterschiedlich, jene, die geschickt werden, seien jedoch tendenziell uneinsichtiger als Spieler, die aus eigenen Stücken heraus kommen.

In den Spielhallen liegen auch Karten mit Beilkens Kontaktdaten. „Behalt das Glück in der Hand“, steht auf ihnen, darunter die Telefonnummer zur Hilfe und Beratung: 04221 / 14 05 5 oder unter drob-delmenhorst.de im Internet. Die Selbsthilfegruppe trifft sich sonntags um 18 Uhr bei der Drob, Scheunebergstraße 41.

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