Bernd Scholz-Reiter, Professor für Wirtschaftsingenieurwesen, leitet die Universität Bremen seit 2012. In gut einem Jahr feiert sie Jubiläum und will in der Stadt Zeichen setzen.Foto: Schlie Bernd Scholz-Reiter, Professor für Wirtschaftsingenieurwesen, leitet die Universität Bremen seit 2012. In gut einem Jahr feiert sie Jubiläum und will in der Stadt Zeichen setzen. Foto: Schlie
Interview

Uni-Rektor: „Dramatisch investieren“

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Bernd Scholz-Reiter über neue Aktionen und firmenfeindliche Regeln.

Weser Report: Herr Scholz-Reiter, die Universität Bremen soll mehr Studierende aufnehmen, so sieht es der Wissenschaftsplan 2025 vor. Gleichzeitig klagt die Handwerkskammer darüber, dass zu viele Schulabgänger studieren möchten und die Betriebe nicht genügend Auszubildende finden. Wie passt das zusammen?

Bernd Scholz-Reiter: Wir haben in Deutschland vielfach Schwierigkeiten, etwas umzusetzen, weil wir nicht genügend Universitätsabsolventinnen und Universitätsabsolventen haben. Wenn unsere Gesellschaft solche Absolventen braucht, es aber nicht genügend Studierende gibt und die demografische Kurve nach unten geht, dann muss sich Deutschland, dann muss sich Bremen so aufstellen, dass es als Standort für Studierende so attraktiv ist, dass es auch junge Menschen aus dem Ausland anzieht.

Von den Studierenden an der Uni Bremen kommen nur 13 Prozent aus dem Ausland.

Deshalb unternehmen wir große Anstrengungen, den Anteil zu erhöhen. Allerdings liegen wir mit 13 Prozent etwas über dem Bundesdurchschnitt.

32 Prozent der Studierenden an der Uni sind Bremer, 35 Prozent stammen aus Niedersachsen. Auch für Schulabgänger aus anderen Bundesländern scheint die Bremer Uni nicht so anziehend zu sein.

Jede Uni ist gewissermaßen auch eine Regionaluniversität. Auch von den Studierenden an der Universität München oder Technischen Hochschule Aachen kommt jeweils ein Drittel aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Manche Fachbereiche sind internationaler als andere. Es wird niemand aus China kommen, um hier auf Lehramt zu studieren, nicht einmal aus Bayern.

Wie wollen Sie die Bremer Uni attraktiver machen?

Deutschland und Bremen müssen dramatisch in die Hochschulausbildung investieren. Ich war gerade in Taiwan. Wenn man beispielsweise die Universitätsbibliothek dort mit unserer vergleicht, dann sind wir in den 1980er Jahren steckengeblieben. Selbst wenn ich nach Augsburg gucke, können wir mit der Universität dort nicht mithalten. Sie ist zwar kleiner, aber Bayern ist finanzkräftiger als Bremen. Bremen muss in seine Universität investieren, muss mehr Menschen mit hohen Qualifikationen holen, um sein Niveau gesellschaftlich und kulturell halten oder sogar verbessern zu können.

Auch in den nächsten Jahren wird Bayern voraussichtlich finanzkräftiger sein als Bremen. Was also tun?

Letztlich muss man Prioritäten setzen. Setzt das Land Bremen Prioritäten in der Hochschulbildung? Versucht es, zumindest ein bundesdurchschnittliches Niveau zu erreichen? Wenn man das schafft, ist die Motivation der Beschäftigten an der Universität Bremen so hoch, dass wir mit durchschnittlichem Engagement des Landes Überdurchschnittliches leisten können.

Wie sehr konkurriert die Uni Bremen mit der privaten Jacobs University in Bremen?

Jede Person, die in Bremen studiert oder einen Hochschulabschluss macht, ist positiv zu sehen. Die Frage ist aber: Wie viel Geld steckt man in Studierende? Da sehe ich eine gewisse Ungerechtigkeit, wenn ich weiß, mit wie wenig Geld wir hier Studierende ausbilden im Vergleich zur Jacobs Uni.

Warum werben Sie nicht mehr Drittmittel ein?

Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werben pro Jahr mehr als 100 Millionen Euro ein, überwiegend von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, von Bundesministerien und der EU. Deutschlandweit gehören wir zu den drittmittelstärksten Universitäten. Es gibt bei uns Bereiche, in denen zwei Drittel der Mitarbeitenden über Drittmittel finanziert werden. Dafür müssen wir Anträge schreiben, die viel Arbeit und Zeit kosten. Dieser Antrag hier auf meinem Schreibtisch umfasst 400 Seiten, das Entwerfen dauerte drei Jahre. Und dann kann er immer noch abgelehnt werden.

Wie steht es um Auftragsforschung für Unternehmen?

Diese beträgt bei unseren Drittmitteln weniger als fünf Millionen Euro. Zwar steht im Hochschulgesetz, dass die Universität die regionale Industrie befördern soll. Bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die in Bremen gelten, ziehen sich die Unternehmen aber eher zurück. Wir müssen alles offenlegen, wenn wir mit Unternehmen zusammenarbeiten. Diese wollen jedoch nicht, dass sie für ein Projekt Geld ausgeben, dessen Ergebnis veröffentlicht werden muss und die Konkurrenz so kostenlos nutzen kann.

Der Wissenschaftsplan 2025 sieht 32 neue Professorenstellen vor.

Wir bekommen nicht 32 zusätzliche Stellen für Professuren. Denn 30 dieser 32 Stellen sind durch andere Projekte schon länger vorgesehen. Sie werden künftig also nur aus einem anderen Topf finanziert.

Wann richtet die Uni wieder Sportwissenschaften ein?

Wir sollen prüfen, ob sie wieder eingeführt werden sollen. So steht es im Wissenschaftsplan 2025, den der Senat ja noch gar nicht verabschiedet hat. Wenn das geschieht und wenn die Universität zu einem positiven Ergebnis kommt, dann wird die Einführung des Studiengangs frühestens im Wissenschaftsplan 2030 berücksichtigt werden können.

Gemeinsam mit acht anderen Universitäten aus acht EU-Ländern baut Bremen eine Europäische Universität auf. Warum?

Mit der Allianz YUFE – Young Universities for the Future of Europe wollen wir den Austausch von Mitarbeitenden und Studierenden auf eine bessere Basis stellen sowie Studiengänge und Abschlüsse in Europa vereinheitlichen. Vor allem wollen wir den europäischen Gedanken stärken.

2021, wird die Uni Bremen 50 Jahre alt. Wie feiern Sie das?

Wir planen vielfältige Aktionen, mit denen wir in der Stadt sichtbar werden.

Und ziehen dann dauerhaft mit Teilen in die City?

Dann müsste das Land Bremen der Universität ein Gebäude kaufen. Mieten können wir keines bei den Preisen. Außerdem sollen wir die Zahl der gemieteten Gebäude und Räume senken und nicht erhöhen.

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