Mann der Zahlen und des Bauchgefühls: Matthias Seidel ist in Bremen geboren und aufgewachsen und analysiert die Entwicklung seines ­Herzensvereins. Foto: pv
Wertverlust

Werder-Charming geht verloren

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Transfermarkt.de-Chef Matthias Seidel über den Wandel und die Aussichten des Clubs.

Der Mann ist Fan durch und durch. Und auch wenn sein beruflicher und privater Mittelpunkt inzwischen in Hamburg liegt, so fließt weiter grün-weißes Blut durch seine Adern. „Unser Werder“, sagt Matthias Seidel, wenn er über seinen Herzensverein spricht und „Unser Werder“ macht ihm momentan Kopfzerbrechen: Als Gründer und Geschäftsführer des Internetportals transfermarkt.de kann er den Niedergang des Bremer Fußballbundesligisten auch an Zahlen jenseits des nackten Tabellenplatzes festmachen. Vor allem wenn man die aktuellen Marktwerte von Werder zugrunde legt.

Sie sind vom Hoch des vergangenen Sommers innerhalb von zwölf Monaten abgeschmiert. Der Kader ist momentan nur 134 Millionen Euro wert. Zu Saisonbeginn kam er noch auf 170 Millionen Euro, und da waren die später nachverpflichteten Davie Selke (aktuell 8 Millionen Euro) und Ömer Top-rak (3,5 Millionen Euro) nicht einmal eingepreist.

Spieler-Qualität nicht wie erwartet

„Der Wert ist gesunken, weil die Qualität der einzelnen Spieler eben nicht so war, wie man das vor der Saison erwartet hatte“, erklärt Seidel. Bei der nächsten Aktualisierung der Marktwerte nach dem Ende der Bundesligasaison droht der nächste Abschlag – erst recht bei einem Abstieg.

Denn im Sport sind Marktwert und sportlicher Erfolg eng miteinander verbunden. Für einen Mann wie Stürmer Milot Rashica hoffte Werder vor einem halben Jahr, bei einem Verkauf noch 40 Millionen Euro erlösen zu können; inzwischen wäre der Club wohl schon mit der Hälfte hoch zufrieden. Nicht ganz so drastisch ist der Preisverfall bei Maximilian Eggestein. Der Fast-Nationalspieler von 2019 hat ebenfalls etliche seiner ehemals etwa 30 Millionen Euro an Marktwert verloren.

Negativserie drückt Marktwert

Zur lang anhaltenden Negativserie der Bremer sei dann auch noch der Corona-Cut hinzugekommen, als transfermarkt.de alle Spieler in der Datenbank mit einem Abschlag von 10 bis 20 Prozent belegte, um die Folgen der Corona-Pandemie auf den kommenden Transfermarkt abzubilden.

Aber das ist nur eine Randnotiz, wenn man mit Seidel über Werder spricht. Seidel, der mit seinem Unternehmen im Weserstadion Businessplätze auf der Nordtribüne besitzt, ist vor allem leidenschaftlicher Fan und einer, der sich sorgt um seinen Club, dem zum zweiten Mal in 57 Bundesligajahren der Abstieg droht.

„Nicht nur bei mir selbst, sondern auch bei vielen Fans merkt man die Frustration. Viele fragen sich: Ist das noch unser Werder?“, erzählt Seidel. Die sportliche Entwicklung gehe doch seit Jahren bergab, rechnet er vor.

Keine Überraschungstransfers

„Solche Überraschungstransfers, wie beispielsweise einen Micoud, den man von der Ersatzbank des AC Parma geholt hatte, das war doch immer super“, erinnert sich Seidel. Ein Kevin de Bruyne oder Serge Gnabry seien die letzten in dieser Reihe gewesen – „aber die zwei dann schon über irgendwelche komischen Ausleihmodelle“, kritisiert Seidel.

Neben der mysteriösen Verletzungsserie ärgert ihn auch die öffentliche Darstellung seines Clubs. So auch die Kurvenheld-Aktion, bei der Werder seinen Fans für eine Rückerstattung ihrer ausstehenden Dauerkarte nur sechs Bier, einen Anstecker und einen Plastikbecher anbot.

Charming geht verloren

„Ich sage es nicht gern, aber das Charming, das Werder immer hatte, geht verloren“, findet Seidel, dessen Bauchgefühl – worauf er immer vertraue – zwar den Klassenerhalt verspricht, „aber wenn ich analytisch an die Sache herangehe, werden sie wohl Vorletzter bleiben“, räumt er ein.

Für den Fall, dass die Bremer den bitteren Gang in die zweite Liga antreten müssen, hat er aber bereits klare Vorstellungen: „Alleine, weil dem Verein dann ja viel weniger Einnahmen aus TV-Vermarktung, Sponsoring und Hospitality zur Verfügung stehen (Experten gehen von Einbußen von 40 bis 50 Millionen Euro aus, d. Red.), wird es in der Mannschaft einen Umbruch geben. Und dann muss das Management eine tolle Vision und ein klares Ziel vorgeben. Da muss es volle Kanone um den Aufstieg gehen. Und das muss jeder Spieler von Kopf bis Fuß und mit 120 Prozent mittragen und auf dem Platz zeigen.“

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