Elternvertretung und Förderverein haben über den Eingang zur Integrierten Gesamtschule ein Banner gespannt, damit wird den Schulabgängern gratuliert und in ganz besonderer Weise der scheidenden Gesamtschuldirektorin Inge Kerlinski für ihre Arbeit gedankt. Foto: Möller
Inge Kerlinski geht

Gesamtschuldirektorin verabschiedet sich

Von
Nach 13 Jahren verlässt die Schulleiterin der Integrierten Gesamtschule, Inge Kerlinski, ihren Schreibtisch.

Inge Kerlinski wünscht sich, dass junge Menschen träumen – aber sie sollen dabei nicht verträumt bleiben: Es komme darauf an, Visionen zu formulieren und diese auch erfüllen zu können. „Die Teilerei ist dafür nicht sinnvoll“, sagt die 64-Jährige und denkt an die frühe Festlegung von Bildungswegen und den damit verbundenen Zukunftschancen schon nach der Grundschule. Die gebürtige Friesin hat sich der Gesamtschulidee verschrieben. Nach ihrem Lehramtsstudium an der Universität Bremen und ersten Anstellungen in Ramsloh, Ritterhude und Tarmstedt wusste sie bei einem kurzfristigen Engagement in der Kreisstadt genau, an welcher Stelle sie wirken möchte: Im Jahr 2007 ging dieser Wunsch in Erfüllung, Kerlinski trat die Nachfolge von Bernd Francksen als Schulleiterin an.

Und setzte sich seitdem für die rund 1.000 Schülerinnen und Schüler, ein knapp 80-köpfiges Kollegium und eine „tolle Elternschaft“ ein. Die Wahlbremerin ist beeindruckt von Osterholz-Scharmbeck, das über eine so vielfältige Bildungslandschaft verfügt. Ein Gymnasium ganz in der Nähe und die neue Schule am Campus sieht sie nicht als Konkurrenz, aber Wettbewerb führe zu Belebung. Eltern hätten die Wahlfreiheit, in welchem System sie ihre Kinder gut aufgehoben sehen. „Ich bin froh, dass wir eine so engagierte Elternschaft haben, die schmieren auch Brötchen oder helfen einen Carport aufzubauen“.

Gesamtschule muss sich ständig weiterentwickeln

Und ihr Kollegium beschreibt sie als besonders aktiv: „Wer sich für die Arbeit an einer Ganztagsschule bewirbt, weiß, dass es keinen frühen Feierabend gibt – jeden Tag bis 16 Uhr und auch noch Abendtermine.“ Die Gesamtschule als Reformprojekt müsse sich ständig weiterentwickeln. In den Monaten der Corona-Einschränkungen bildeten sich für den zehnten Jahrgang verkleinerte Lerngruppen. Die einen kamen in die Schule, die andere Hälfte arbeiteten den Stoff zu Hause durch, „das kam bei allen Beteiligten so gut an, dass zu überlegen wäre, diese Form des Unterrichts zum Beispiel zur Prüfungsvorbereitung auch nach Corona beizubehalten“. Die Digitalisierung nahm Tempo auf, „es ist wichtig, dass sich nicht bloß die Jugendlichen, sondern auch die Lehrer gut mit Computern auskennen“, so Kerlinski.

Richtig ins Schwärmen gerät die Pädagogin, wenn sie von Praxisnähe und Projektarbeit spricht: Vor zwei Jahren hatte die IGS Funkkontakt zum Astronauten Alexander Gerst auf der im All kreisenden Internationalen Raumstation. „Nicht allein die Fragen, die unsere Schüler dem Astronauten stellen konnten, das gesamte Drumherum war ein Erlebnis.“ So war mit organisierten Amateurfunkern die Antennenanlage für die Live-Schaltung aufgestellt worden. „Für viele Schüler war gerade diese Veranstaltung auch eine Anregung, ganz neue Berufsfelder für ihre eigene Zukunft in Erwägung zu ziehen“, weiß Kerlinski. Ganz aktuell engagiert man sich als Schule viel stärker in den Bereichen von Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften. „Die Zeiten, in denen ausschließlich Kunst, Musik und darstellendes Spiel eine Gesamtschule ausmachten, sind vorbei.“ Bei der notwendigen Neukonzeption der Gesamtschulidee spiele die Berufsorientierung eine große Rolle. Man suche neuerdings die Kooperation mit den Berufsbildenden Schule in der Stadt. „Wir brauchen doch auch junge Menschen, die ein Handwerk erlernen wollen“, so Kerlinski. Studieren könnten die Jugendlichen immer noch. Kerlinksi erinnert daran, dass sie selbst zuerst eine Berufsausbildung absolvierte und über den zweiten Bildungsweg zur Hochschulausbildung gekommen war: „Wir brauchen nicht immer nur gerade Biografien.“

„Endllich ist in der Schule Baulärm zu vernehmen“

Seit Beginn ihrer Amtszeit ging es um Raumfragen, die 1993 von den Amerikanern übernommene Schule sei stark sanierungsbedürftig. Um den Neubau der Sporthalle wurde über zehn Jahre gerungen. Jetzt war Kerlinski fast froh, als Baulärm zu hören war, „hurra, es geht los“. Dass die Geräusche einer Kreissäge die Nachprüfungen bei den Abiturienten störten, wurde klaglos hingenommen.

Inge Kerlinksi hinterlässt eine gut aufgestellte, renomierte und weit über die Grenzen Osterholz-Scharmbecks bekannte Gesamtschule. Sie selbst habe hier eine hohe berufliche Zufriedenheit erleben können. „Jetzt ist es aber an der Zeit, dass jemand anderes kommt, der neu auf das Projekt Gesamtschule schaut.“ Sie selbst freut sich auch auf den neuen Lebensabschnitt: Noch im Juli gehe es nach Salzburg und von dort mit dem Fahrrad über die Alpen. Sie möchte ihre Leidenschaften, Radfahren und Reisen, verbinden. Und dann wird man sie bald auch wieder als Aktivistin erleben, „vielleicht mache ich etwas in Richtung Fridays for Future“, aber für Erwachsene, schmunzelt sie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.