HWK-Rektorin Prof. Dr. Kerstin Schill spricht von positiven Effekten der Online-Konferenzen.Foto: pv HWK-Rektorin Prof. Dr. Kerstin Schill spricht von positiven Effekten der Online-Konferenzen.Foto: Schill
Interview

„Die Krise als Chance“

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Corona brachte die Fellows im HWK enger zusammen und die Digitalisierung voran. Interview mit Kerstin Schill.

Das Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) stärkt und fördert die Wissenschaft und Forschung insbesondere durch die Einladung von Wissenschaftlern aus aller Welt zu befristeten Aufenthalten (Fellowships). Wir sprachen mit der Rektorin, Prof. Dr. Kerstin Schill.

Delme Report: Frau Schill, wie hat das im vergangenen Jahr geklappt?

Kerstin Schill: Erstaunlich gut. Wir hatten 37 Fellows, die auf insgesamt 154 Fellow-Monate gekommen sind. Das sind fast genauso viele Gastwissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wie in den Jahren zuvor. Selbst während des Lockdowns im Frühjahr blieben die Fellows hier. Dabei hatten wir ihnen Unterstützung bei der Rückreise in ihre Heimatländer angeboten. Aber sie lehnten alle ab und wollten bleiben, mit dem Hinweis, dass sie sich bei uns wohl und sicher fühlen und hier bestens arbeiten können. Das war ein tolles Lob für uns. Es zeigt, wie wichtig unsere Arbeit und das HWK sind, als Raum für die Forschung.

Konnten alle Fellows problemlos an- und abreisen?

Wir mussten immer im Blick behalten, für welches Land welche Bestimmungen gelten, um die Gastwissenschaftler auf dem Laufenden halten zu können. Ein ungarischer Fellow konnte zum Beispiel erst später einreisen. Aktuell haben wir gerade damit zu tun, dass Rückflüge in einige Heimatländer gestrichen wurden. Auf den neuen Leiter für den Bereich „Energy“ mussten wir sogar rund ein Jahr warten. Dr. Michael Kastner hielt sich damals mit seiner Familie in Südafrika auf und konnte nicht ausreisen. Aber jetzt lebt er in Delmenhorst und gewöhnt sich langsam ein.

Wie haben die Corona-Pandemie und Regelungen wie Abstand und die Einschränkung der Kontakte die Arbeit im HWK, der immerhin ein Ort der Vernetzung ist, verändert?

Erstaunlicherweise war der Austausch untereinander sehr viel enger. Vieles ging über Online-Medien. Wir haben unsere wöchentlichen Fellow Lectures, in denen jeweils ein Wissenschaftler über ein aktuelles Forschungsthema aus seinem Fachgebiet referiert und darüber in der Gruppe diskutiert wird, als Online-Konferenz aufgestellt. Das hatte einen unheimlich tollen Nebeneffekt. Denn es kamen plötzlich viele der ehemaligen Fellows dazu. Dadurch hatten wir eine viel stärkere, internationale Vernetzung. Aus Folge dessen tauschen sich nun auch die aktuellen mit den ehemaligen Fellows viel stärker aus. Da ist ein ganz großer Nachhaltigkeits-Effekt.

Ist das etwas, was Sie beibehalten wollen?

Wir wollen das ganze zukünftig hybrid machen. Wenn die Situation es wieder zulässt, wollen wir den Fellows vor Ort die Möglichkeit für private Treffen geben. Und die Ehemaligen aus dem In- und Ausland können sich weiterhin online dazuschalten.

Was haben Sie im vergangenen Jahr am meisten vermisst?

Die wissenschaftlichen Tagungen mussten ausfallen. Das sind in einem normalen Jahr immerhin rund 120 Veranstaltungen. Und wir konnten keine öffentlichen Vorträge für die Stadt anbieten. Die Stadt fehlt uns.

Soll es zukünftig wieder öffentliche Vortragsreihen geben?

Das wollen wir weiterhin in Präsenz anbieten. Aber wir haben selbst zu normalen Zeiten maximal für knapp 100 Gäste Platz. Deshalb überlegen wir, dass sich Zuschauer auch online zuschalten können.

Sehen Sie die Krise auch als Chance?

Ja. Es hat uns in der Digitalisierung voran gebracht. Wir haben ein neues Datenbank-System aufgesetzt und die IT-Ausstattung für die Fellows und unsere Mitarbeiter verbessert. Unsere Belegschaft arbeitet nun überwiegend vom Homeoffice aus. Regelmäßig tauscht sich die Belegschaft in Web-Konferenzen aus.

Wie haben Sie die freie Zeit aufgrund der ausgefallenen Veranstaltungen genutzt?

Wir haben das Haus von Grund auf renoviert. Das HWK sieht nun wieder tiptop aus.

Denken Sie, dass sich durch die Pandemie der Blick der Öffentlichkeit auf die Wissenschaft verändert hat?

Diese Pandemie zeigt, dass Wissenschaft kein Luxus ist, sondern notwendig. Manchmal sogar überlebensnotwendig. Es geht nicht ohne den internationalen Austausch und das man sich gegenseitig interdisziplinär anregt.

Jedes Jahr richtet das HWK zum Jahresbeginn einen Neujahrsempfang für geladene Gäste aus. Wie sehen die Planungen für dieses Jahr aus?

Ich lade die interessierte Öffentlichkeit dazu ein, mein Team und mich auf eine digitale Reise durch das vergangene Jahr zu begleiten und einen Ausblick zu wagen. Wir stellen einige ausgewählte Fellows und ihre Projekte vor und geben kurze Einblicke in die Arbeit der Forschungsbereiche. Abgerundet wird die Veranstaltung durch ein lichtkünstlerisches und musikalisches Programm sowie die Weltpremiere zweier Kompositionen eines aktuellen Fellows aus dem Bereich Musik. Wer dabei sein will, besucht am Freitag, 5. Februar, ab 19 Uhr unsere Homepage.

Zur Person:
Kerstin Schill ist seit Oktober 2018 Rektorin des Hanse-Wissenschaftskollegs (HWK). Sie ist studierte Informatikerin und hat an der an der LMU München in Humanbiologie promoviert.

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