Senatorin Kristina Vogt: 400 weitere Plätze in der Ausbildungsgesellschaft.Foto: Schlie Senatorin Kristina Vogt: 400 weitere Plätze in der Ausbildungsgesellschaft. Foto: Schlie
Ausbildung

„Bald vielleicht über Tiktok“

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Wie Arbeitssenatorin Kristina Vogt Jugendliche für eine Ausbildung begeistern will, verrät sie im Interview.

Weser Report: Frau Vogt, kurz vor dem Beginn des neuen Ausbildungsjahres haben noch nicht alle Bewerber einen Platz gefunden, andererseits konnten die Betriebe nicht alle Stellen besetzen. Was tun?

Kristina Vogt: Die Jugendberufsagentur hat im Januar 7.500 Eltern von Schülern der Abgangsklassen zu einem telefonischen Elterntag eingeladen. Im März gab es eine telefonische Ausbildungsplatzbörse. Dazu lud die Agentur für Arbeit gut 10.000 Jugendliche und rund 2.500 Betriebe ein. Außerdem gab es 700 telefonische Beratungsgespräche.

Mit welchem Ergebnis?

Die Agentur für Arbeit registrierte fast 4.000 Bewerber, ein Plus von 5,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit nimmt Bremen unter den Bundesländern einen Spitzenplatz ein. Berlin schaffte nur ein Plus von 2,4 Prozent, Hamburg legte um 1,5 Prozent zu. Im Bundesdurchschnitt sank die Zahl der gemeldeten Bewerber sogar um 7,7 Prozent. Gleichzeitig stieg im Land Bremen die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen um 5,6 Prozent auf 4.490, in der Stadt Bremen sogar um 10,7 Prozent.

Trotzdem bewerben sich zu wenige Jugendliche um eine Ausbildung?

Wegen Corona ist in den Schulen die Berufsorientierung zu kurz gekommen, außerdem fielen viele Praktika aus. Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Das Interesse an einer dualen Ausbildung sank in den letzten Jahren kontinuierlich. Der Trend zu Abitur und Studium wächst. Und dann gibt es noch Schulabgänger, die sofort arbeiten wollen, weil sie es müssen. Es gibt ja welche, die aus guten Gründen aus ihrem Elternhaus ausziehen wollen. Und der Lohn für eine ungelernte Kraft ist häufig höher als die Ausbildungsvergütung. Die Probleme kommen dann später. Wer unqualifiziert ist, verdient weniger als eine Fachkraft und ist eher von Arbeitslosigkeit bedroht.

Oder streben zu viele dieselben Berufe an?

Es gibt Betriebe, wo die Ausbildungsbedingungen nicht gut sind oder wo die Auszubildenden einfach nur günstige Arbeitskräfte sind. Da müssen sich einige Branchen weiter anstrengen. Aber vor allem kleine Betriebe brauchen Unterstützung. Sie können schulische Defizite der Auszubildenden nicht auffangen. Die Ausbildung ist viel komplexer geworden, die Anforderungen sind viel höher. Früher ist ein Jugendlicher Kfz-Mechaniker geworden, jetzt braucht er für die Arbeit fast eine halbe IT-Ausbildung. Manche Auszubildenden brauchen deshalb Unterstützung.

In Bremen ist die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss besonders hoch.

Ich muss mit der Situation umgehen, dass wir so viele Schulabgänger ohne Abschluss haben, oder Schulabgänger mit Abschluss, aber schulischen Defiziten. Wir haben in Bremen Schulen, da gibt es Klassen, in denen kaum noch Schüler sitzen, deren Muttersprache Deutsch ist. Das ist ein Problem. Da fehlen Sprach-Vorbilder. Man lernt die Sprache ja nicht nur im Unterricht, sondern vor allem auf dem Schulhof.

Um Jugendliche, die vor dem Schulabschluss stehen, soll sich insbesondere die Jugendberufsagentur kümmern. Der Evolutionsbericht über sie stellt aber fest, dass sie vielen gar nicht bekannt ist.

Das stimmt nicht. Die Jugendberufsagentur unternimmt wie zu Beginn erwähnt viel, gerade während der Corona-Pandemie.

Beobachtet die Agentur, was aus den Jugendlichen wird, die zu ihr gekommen sind?

Ja, bis die 25 Jahre alt sind. Wer dort erfasst ist, wird auch begleitet. Die Jugendberufsagentur hilft auch, wenn Auszubildende im Unternehmen Probleme bekommen. Damit sie noch effektiver helfen kann, reformieren wir sie gerade. Wir wollen auch versuchen, die Jugendlichen über Social Media anders anzusprechen, auf Instagram und demnächst vielleicht auch über Tiktok. Dafür haben wir eine eigene Stelle geschaffen. Auch die aufsuchende Beratung weiten wir aus. Die Berater gehen in die Brennpunktschulen und die sozialen Einrichtungen.

Der Senat hat im vergangenen September die Gründung einer Ausbildungsgesellschaft beschlossen. Wie läuft die?

Wir haben 2020 im Land Bremen 160 außerbetriebliche Ausbildungsplätze geschaffen, davon 70 in der Stadt Bremen. Zum Ausbildungsbeginn in diesem Jahr sind 400 weitere Ausbildungsplätze geplant, davon 250 in der Stadt Bremen. Den Etat von bislang 30 Millionen Euro wollen wir dafür aufstocken. Die Mittel haben wir beim Bremen-Fonds angemeldet. Wir haben aber auch EU-Mittel beantragt.

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