Mehr als 3.500 Aussiedler kamen in den 1980er und 90er Jahren aus der Sowjetunion nach Delmenhorst. Harry Hägelen ist einer von ihnen. Fotos: Konczak
Geschichte

Einer von mehr als 3.500

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Harry Hägelens Biographie beleuchtet die Geschichte der Russlanddeutschen

Mehr als 3.500 Russlanddeutsche fanden in den 1980er und 90er Jahren in Delmenhorst eine neue Heimat. Seit März diesen Jahres kann man sich mit diesem Teil der Delmenhorster Migrationsgeschichte im Stadtmuseum auf der Nordwolle befassen. Die Biografie von Harry Hägelen steht dabei stellvertretend für diese Bevölkerungsgruppe.

Siedlungsgeschichte der Russlanddeutschen

Konzipiert und erstellt hat den neuen Ausstellungsbereich Anna Blum im Rahmen eines dreimonatigen Praktikums, das sie für ihr Studium absolviert hat. Die Geschichts- und Germanistikstudentin suchte zum Thema Spätaussiedler Zeitzeugen. Harry Hägelen meldete sich und erzählte ihr seine bewegte Lebensgeschichte.
Russen und Deutsche waren schon früh miteinander verbunden. Die ersten andauernden wirtschaftlichen Beziehungen nahmen frühhansische Kaufleute in der Mitte des 12. Jahrhunderts auf. Seit dem Mittelalter und bis ins 16. Jahrhundert siedelten sich viele Deutsche in der Sowjetunion an. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts zog es viele Deutsche nach Moskau und ab Anfang des 18. Jahrhunderts vor allem in die aufstrebende Stadt Petersburg. Seit dem Einladungsedikt Katharinas II. 1763 zog es tausende Deutsche in die Weiten Russlands, um sich dort niederzulassen. Vorfahren von Harry Hägelen wollten sich 1868 im Gebiet der Ukraine ein neues Leben aufbauen. Dort wurde er 1937 geboren.

Verfolgung durch ausländische Agenten

Im Zweiten Weltkrieg besetzte die Deutsche Wehrmacht zeitweilig Gebiete der Sowjetunion. Nach deren Rückeroberung wurden die dort ansässigen deutschstämmigen Bürger der Sowjetunion als ausländische Agenten verfolgt. „Mein Vater wurde vom Sowjetregime als angeblicher Spion und Feind des Volkes verhaftet“, berichtet Hägelen. Zehn Jahre habe man die Familie – Hägelens Mutter war schwanger – in dem Glauben gelassen, der Vater sei in Lagerhaft. Dabei hatte man ihn bereits kurz nach der Verhaftung erschossen.

1944 flüchtete die Familie nach Brandenburg. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Deutschland wurde sie festgenommen und in den äußersten Norden Russlands ans Weiße Meer verschleppt. Dort lebte die Familie bis 1955 in einer Art Lager. Die Zwangsarbeit in dem Deportationsgebiet war hart und die Nahrung knapp. „In der Not backten wir Brot aus Moos“, so Hägelen. Er durfte die Sieben-Jahres-Schule besuchen, musste aber nach der Schulzeit Forstarbeiten in den Wäldern verrichten. Später wurde er Maschinist in Welsk und sprach dort nur Russisch.

Rückkehr nach Deutschland

1956 kehrte er als junger Mann zu seiner Mutter und seinen Geschwistern zurück – und musste seine Muttersprache neu erlernen. In der Abendschule machte er sein Abitur nach und schloss 1969 ein Studium an der Fakultät für Fremdsprachen ab. Im Anschluss arbeitete er als Lehrkraft am Lehrstuhl für Deutsch in Ufa.
1991 nutzte Hägelen die Möglichkeit, die Michail Gorbatschows Perestroika eröffnete, und kam mit Frau und drei Kindern als Spätaussiedler nach Delmenhorst. „Es war schwierig, eine Wohnung zu finden“, erinnert sich der Senior. Dank der Unterstützung durch Familie Zimmermann konnte die Familie kurze Zeit später eine Wohnung an der Mühlenstraße beziehen.

Bei einer Veranstaltung in der Volkshochschule Delmenhorst zum Thema Spätaussiedler wurde man auf Hägelen aufmerksam und bot ihm eine Anstellung an. Somit konnte er zahlreichen Russlanddeutschen in Deutschkursen die Integration erleichtern.

Die Museumsbesucher können Harry Hägelen in einem Kurzfilm kennenlernen. Persönliche Fotografien und Dokumente überließ er dem Museum ebenfalls. Das Nordwestdeutsche Museum für IndustrieKultur präsentiert inmitten des europaweit einmaligen, denkmalgeschützten Geländes der ehemaligen Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (kurz: „Nordwolle“) in zwei Häusern die Delmenhorster Industrie- und Stadtgeschichte.

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