Die Nachtwanderer Huchting laufen nachts durch den Stadtteil oder fahren mit Bus und Bahn in die Innenstadt. Wo auch immer sie sind: Überall finden sich Jugendliche, die mit ihnen über Probleme reden oder einfach nur mal quatschen wollen. Ehrenamt Sodenmattsee Party Nacht nachts Wochenende Die Nachtwanderer Huchting laufen nachts durch den Stadtteil oder fahren mit Bus und Bahn in die Innenstadt. Wo auch immer sie sind: Überall finden sich Jugendliche, die mit ihnen über Probleme reden. Foto: lod
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Nachtwanderer auf Streife gegen Aggressionen

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Die Nachtwanderer - ein poetischer Name umweht diese Männer und Frauen, die seit zehn Jahren nachts durch Huchting ziehen, dorthin, wo Jugendliche sind. An jedem Wochenende sind sie als Ansprechpartner da - ehrenamtlich.

Huchting am Freitagabend, gegen kurz vor elf Uhr am Sodenmattsee – die Nachtwanderer sind unterwegs. Die Nacht ist lau, ein paar wagemutige Mädchen scheinen schon einmal das Wasser auszutesten – man hört ihr Lachen durch die Bäume. An einer überdachten Tischgruppe sitzt eine Runde Jugendlicher zusammen, feiert Geburtstag, raucht, trinkt und quatscht.

Doch als zwei ältere Männer auf die Runde zukommen, springt einer von ihnen plötzlich auf und rennt davon. Aus der Ferne beobachtet er, wie die beiden in ihren roten Jacken ankommen, sich unterhalten, entspannt bleiben. Dann kehrt er langsam zur Gruppe zurück. „Wer sind Sie denn?“, will er wissen.

Die Nachtwanderer drücken auch mal ein Auge zu

Der junge Mann hat an diesem Freitag zum ersten mal Nachtwanderer getroffen. „Wir gehen dahin, wo Jugendliche sich aufhalten und sind Ansprechpartner bei Problemen“ – so beschreibt Manfred Oppermann seine Aufgabe.

Vor ihnen weglaufen braucht in dieser Gruppe keiner. „Dass wir auch mal ein Auge zudrücken, wenn es kleine Grenzüberschreitungen gibt, gehört zu unserer Aufgabe“, erklärt Dieter Behning. „Sonst könnten die Jugendlichen ja gar kein Vertrauen zu uns haben.“ Und Oppermann ergänzt: „Die Jugendlichen wollen Spaß haben – und den wollen wir ihnen auch nicht verderben.“

Nachtwanderer wollten niemals eine Bürgerwehr sein

Seit nunmehr zehn Jahren gibt es die Nachtwanderer in Huchting – Behning und Oppermann sind von Anfang an dabei. Damals, 2006, hatten in Huchting Mülltonnen gebrannt. Medien zogen die Parallele zu den zeitgleich stattfindenden Jugendunruhen in den Banlieues – „Huchting wie Paris“, hieß es bald. In dieser Situation gründeten sich die Nachtwanderer nach Vorbild aus dem Bremer Norden.

Anfangs wollten viele Bürger mitmachen. „Aber die wollten sich größtenteils mit Baseballschlägern ausrüsten“, erzählt Behning. „Als wir klargemacht haben, dass wir nun wirklich keine Bürgerwehr sind, sprangen die meisten ab.“

„Früher waren nachts mehr Jugendliche unterwegs“

Schnell habe man auf den Touren festgestellt, dass die Jugendlichen vor allem den großen Wunsch hätten, zu reden – Probleme in der Liebe, Sorgen um die Zukunft, die ganzen großen und kleinen Fragen des Lebens.

In den zehn Jahren hat sich einiges verändert. „Heute sind weniger Jugendliche draußen“, hat Behning beobachtet. „Es gibt auch weniger Redebedarf – und weniger Probleme mit Alkohol.“ Trotzdem laufen die Nachtwanderer weiter jedes Wochenende durch den Stadtteil – ehrenamtlich.

„Ehrenamtlich“, das ist ein Stichwort, das viele Jugendliche fasziniert. „Voll gut dass die das machen, als Ehrenamt, ohne Geld“, meint Maik H. aus der Sodenmattrunde, als der feiernden Gruppe klar geworden ist, was die beiden Männer wollen.

Im Vordergrund stehen die Jugendlichen

Die beiden Nachtwanderer in ihren roten Jacken ziehen weiter – vorbei an ein paar kiffenden Jungs, zurück in die Staßen des Stadtteils; später geht es bis in die Innenstadt.

Ob in der Bahn, beim Bierfest, oder unter einer Autobahnbrücke – überall finden sie Jugendliche, mit denen sie reden können, über Alkohol, über Partypläne, oder über Werder. „Wichtig ist, dass man sich nicht in den Vordergrund spielt“, meint Behning. „Dort sollen die Jungs und Mädels sein.“

„Hochachtungsvoll“ vor der ehrenamtlichen Arbeit

Ein junger Mann erzählt von einer verlorenen Liebe. „Sie hat zwei Kinder und ist verheiratet – das ist hart.“ „Dann hast du was falsch gemacht“, vermutet Behning geradeheraus. „Sie haben Recht“, sagt der junge Mann ernst und drückt Behning die Hand. „Es ist gut, was Sie hier machen. Hochachtungsvoll!“

Hat so eine Unterhaltung etwas gebracht? Braucht es Ehrenamtliche, die nachts mit Partygängern über verflossene Chancen sprechen? Behning überlegt, bevor er antwortet. „Ich weiß nicht, ob die Arbeit etwas Messbares bringt“, meint er schließlich. „Aber ich glaube, wir hatten gerade beide ein gutes, menschliches Gespräch. Wer weiß, vielleicht hat es sogar geholfen, Aggressionen abzubauen.“

Am Freitag wird das Jubiläum am Roland-Center gefeiert

Am Freitag, 3. Juni, feiern die Nachtwanderer mit Rap- und Samba-Combos von 14 bis 17.30 Uhr ihr Jubiläum neben dem Real am Roland-Center. Alle Bürger des Stadtteils sind eingeladen, dabei zu sein.

Wer mehr über die Nachtwanderer erfahren möchte, oder selber über dieses Ehrenamt nachdenkt, kann vor Ort nachfragen, oder sich auf ihrer Internetseite informieren.

 

 

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