Seit 2007 ist Maike Schaefer Abgeordnete der Bürgerschaft, seit 2015 leitet sie die Fraktion der Grünen. Foto: Schlie
Interview

Maike Schaefer: „Ein Problem für Rot-Grün“

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Maike Schaefer ist die Spitzenkandidatin der Bremer Grünen. Wir sprachen mit ihr im WESER REPORT-Interview über den anstehenden Wahlkampf, die SPD, die Bremer Schulen und den Verkehr in der Stadt.

Weser Report: Frau Schaefer, bereiten Sie sich schon auf die Aufgabe als Umweltsenatorin vor? Amtsinhaber Joachim Lohse will ja nach der Bürgerschaftswahl im Mai 2019 aufhören. Und Sie sind Biologin.

Maike Schaefer: Ich bereite mich auf den Wahlkampf vor.

Mit welchem Motto treten die Grünen zur Bürgerschaftswahl an?

Wir sind gerade dabei, das Motto zu entwickeln. Es wird darum gehen, mit Schwung in ein modernes Bremen zu gehen. Wie kann ein lebenswertes Bremen aussehen?

Die Grünen regieren doch schon seit zwölf Jahren mit.

Wir haben natürlich mitgestaltet, aber die Gesellschaft steckt mitten im Umbruch, es geht um den Aufbruch in eine neue Zeit.

Der bisherige Koalitionspartner, die SPD, kommt den Grünen aber abhanden.

Die letzte Umfrage stammt von der CDU. Da kamen wir auf 20 Prozent. Aber es war keine klassische Umfrage, was man am nächsten Sonntag wählen würde. Es war mehr eine Stimmungsumfrage, in der gefragt wurde, wie man die Grünen findet. Die 20 Prozent zeigen, welches Potenzial wir Grünen haben. Aber nicht jeder, der die Grünen gut findet, macht dann dort auch sein Kreuzchen. Die SPD hat allerdings in allen Umfragen der letzten Zeit verloren. Das ist für eine rot-grüne Koalition ein Problem.

Aber die Grünen sind ja offener geworden?

Wir machen erst einmal Wahlkampf für uns. Es wäre ein Fehler, sich jetzt auf eine bestimmte Koalition festzulegen.

Ein Topthema der Grünen soll im Wahlkampf Bildung und Schule sein. Was planen Sie?

Es ist ja bekannt, dass Bremen in Studien schlecht abgeschnitten hat. Aber es reicht nicht, nach mehr Geld zu schreien, wie es SPD und Linke machen. Wir wollen die Schulen personell besser ausstatten, aber wir stellen auch die Frage nach der Qualität. Eine Schule wie die Gesamtschule Ost wird deutschlandweit prämiert, obwohl sie ein Umfeld hat, in dem viele Familien mit niedrigem Einkommen wohnen. Genauso die Schule Borchshöhe in Vegesack. Warum gelingt das denen und anderen nicht? Das liegt eben auch am päd­agogischen Konzept. Da muss man schauen: Kann man die Konzepte auf andere Schulen übertragen?

Was können Schulen ändern?

Mein Thema ist ja immer das phonetische Schreiben. Das finde ich schrecklich, dass Kinder erst schreiben lernen, wie sie die Wörter hören. Und wenn sie alle Wörter falsch im Gehirn gespeichert haben, fängt man an, sie zu korrigieren. Wie die Kinder schreiben lernen, ist in Bremen von Schule zu Schule unterschiedlich. Ich kenne keine einzige Mutter und keinen einzigen Vater, die das phonetische Schreibenlernen super finden. Die schlucken zu Hause immer, wenn ihre Kinder so viele Fehler machen. Es gibt Bundesländer, die haben das phonetische Schreiben längst verboten.

Und die Gymnasien verlängern die Schulzeit wieder von acht auf neun Jahre?

In Bremen können Schüler ihr Abitur nach acht Jahren machen oder nach neun Jahres. Es gibt beides.

Aber nicht an Gymnasien.

Aber an den Oberschulen. Deshalb haben wir uns nicht festgelegt auf G8 oder G9.

Grüne Ur-Themen sind Umwelt und Klimaschutz. Warum gibt es in Bremen trotzdem noch Kohlekraftwerke?

Wir halten es für realistisch, dass die Kohlekraftwerke in Bremen in den nächsten fünf Jahren vom Netz gehen. Aber das können wir nicht selbst entscheiden. Die Kraftwerke gehören Unternehmen wie der SWB.

Hansewasser, Gelsenwasser und SWB wollen im Hafen eine Verbrennungsanlage für Klärschlamm bauen. Dagegen regt sich Widerstand.

Es gibt eine Bürgerinitiative. Aber deren Befürchtungen, dass die Anlage unangenehmen Geruch verbreitet, konnten wir entkräften. Denn sie bekommt eine aufwendige Rauchgasreinigung. In Zürich steht so eine Anlage mitten in der Stadt. Im Stadtteil gibt es jetzt noch zwei Forderungen: die Asche nicht vor Ort lagern, sondern auf der Blockland-Deponie. Darüber finden gerade Gespräche statt. Und es gibt Befürchtungen vor zunehmenden Lkw-Verkehren. Doch das ist eine überschaubare Anzahl. Hansewasser überlegt, eine Art Pipeline von Seehausen zur Anlage zu bauen.

Apropos Verkehr: Die Grünen wollen Bus und Bahn attraktiver machen. Wie?

Wir brauchen ein Konzept, wie man noch besser mit dem öffentlichen Personennahverkehr in die Innenstadt kommt. Außerdem finden wir die Idee eines 365 Euro-Jahrestickets gut. Und die Tickets für Schüler und Auszubildende müssen billiger werden. Manche fordern sogar einen kostenfreien Nahverkehr. Das finde ich nicht gerecht. Wem mehr Geld zur Verfügung steht als etwa Schülern, soll auch etwas für den ÖPNV bezahlen. Und angesichts der Haushaltslage in Bremen sehe ich einen kostenlosen ÖPNV sowieso kritisch.

Geht es nach den Grünen, sollen Jugendliche schon mit 14 Jahren die Stadtbürgerschaft wählen. Warum so früh?

Mit 14 sind noch alle Jugendlichen in der Schule und können darauf vorbereitet werden, dass Demokratie bedeutet, dass man die Möglichkeit hat mitzugestalten, indem man wählen geht. Die Bürgerschaftswahl findet nur alle vier Jahre statt, durchschnittlich ist man bei der ersten Wahl 18 Jahre alt. Sehr viele Jugendliche werden in der Schule dann nicht mehr erreicht. Wir glauben schon, dass auch 14-Jährige in der Lage sind, den Unterschied zwischen den Parteien zu erkennen und sich eine Meinung bilden können. Da Wahlen nur alle vier Jahre stattfinden, sind die meisten bei ihrer ersten Wahl älter als 14.

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2 Antworten

  1. Meike Baasen sagt:

    Schuster, bleib bei deinen Leisten…

    Nachdem seit Jahren bekannt ist, wie bedeutsam die phonologische Bewusstheit (sehr vereinfacht: das Hören von Lauten, genauere Definition s.u.) und die Zuordnung von Buchstaben an die Laute für die Entwicklung der Rechtschreibfähigkeit ist, sollte Frau Schäfer sich doch bitte erst mal fachlich schlau machen (Gudrun Spitta, Hans Brügelmann, et.al.), bevor sie auf das populäre und populistische Pferd setzt und die Arbeit von Grundschulen schlecht macht. Gerade die Schulpreis-Grundschulen, von denen sie auf eine von vier Bremer Beispielen verweist, arbeiten nach dem von Maike Schäfer kritisierten Verfahren. Wenn die Ursachen der Rechtschreibprobleme so einfach zu benennen wären, dann würde ein „Fingerschnipsen“ reichen, hier zu mehr Erfolg zu kommen. Oder unterstellt Frau Schäfer den Grundschullehrkräften Unfähigkeit?

    Phonologische Bewusstheit laut Wikipedia: Er (der Begriff) bezeichnet die Fähigkeit, bei der Aufnahme, der Verarbeitung, dem Abruf und der Speicherung von sprachlichen Informationen Wissen über die lautliche Struktur der Sprache heranzuziehen (Wagner/Torgesen 1987). Kinder müssen sich hierzu vom Bedeutungsinhalt der Sprache lösen und begreifen, dass Sätze aus Wörtern, Wörter aus Silben und Silben aus Lauten aufgebaut, dass manche Wörter länger und andere kürzer sind. Es geht darum zu erfassen, was der erste Laut eines Wortes ist, wie es endet und dass manche Wörter sich reimen.

  2. Martin Korol sagt:

    54% der brem. Schüler machen Abitur. Zu meiner Zeit, geb. 1944, waren es 5 %. Sind die Schüler mittlerweile 10 x schlauer als wir damals? Kann ja sein. Bloß, warum scheitern dann 54 % der Bremer Abiturienten an der Bremer Uni? 10 x so viel wie zu meiner Zeit! Mehr als jeder zweite! Offenbar ist das brem. Abitur billig zu haben und nicht viel wert. Nun ja, Schule ist allemal angenehmer als eine Lehre. Denn das bedeutet ja frühes Aufstehen und richtige Arbeit! Nö, ey. Nur 12% der Schüler in Klasse 10 können sich dazu durchringen. (8 x weniger als zu meiner Zeit!). Die zweite Konsequenz des Billigabiturs: In Bremen fehlen Fachkräfte. Dramatisch.
    Was besagen also die vielen Preise für brem. Schulen? Nichts. Da wird alles Mögliche prämiert, jedenfalls nicht der gute Weg zur Studierfähigkeit.
    Maike Schäfer sagt: „Demokratie bedeutet, dass man die Möglichkeit hat mitzugestalten, indem man wählen geht.“ Wie steht es damit? Auch mies. Die Bremer Uni hat 28.000 Studierende. Davon bringen sich max. 5 % in die Politik ein. Mehr gehen nämlich nicht zu den Gremienwahlen, bei denen auch der ASTA gewählt wird. Bei der Bürgerschaftswahl 2015 lag die Wahlbeteiligung der 16- bis 18-Jährigen bei 45,8 %, die der Altersklasse von 18 bis 25 Jahren war noch niedriger: 43,5 %. Allgemein: 52,1 %. Das ist seit Jahren und Jahrzehnten so.
    Mithin: nicht nur intellektuell, sondern auch politisch hat das Bremer Schulsystem völlig versagt. Und in der Situation erzählt uns Meike Baasen, wie „wie bedeutsam die phonologische Bewusstheit“ sei.
    „Der Geist weht, wo er will“, sagt man. Jedenfalls weht er nicht in Bremen.
    Martin Korol, Bremen

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