Wenige Tage nach Weihnachten sitzt Susanne Kettler in den Räumen des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) und lächelt. Seit über 40 Jahren organisiert der Verein am Heiligabend die „Offene Nacht von 8 bis 8“ ein. Während über die Weihnachtstage der kälteste Winter seit 2010 durch die Straßen fegte, bot der Verein rund 150 Wohnungs- und Obdachlosen einen Ort, um die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember zu verbringen, erklärt Kettler, die die pädagogische Leitung im Verein innehat.
CVJM sieht Offene Nacht 2025 als Erfolg
„Entgegen aller Erwartungen war es sehr entspannt“, berichtet sie. Dabei war die Ausgangssituation im November alles andere als positiv. Mehrere Großspender sind dem CVJM abgesprungen (der WESER REPORT berichtete). Im Nachgang habe es eine regelrechte Welle von Privatpersonen gegeben, die die Offene Nacht entweder finanziell oder mit Sachspenden unterstützt hätten.
Über die höhe der finanziellen Zuwendungen darf Kettler nicht sprechen. Allerdings hätten jene ausgereicht, um jede Besucherin und jeden Besucher adäquat zu versorgen und ihnen ein Geschenk mit auf den Weg zu geben. Sogar eine Geigerin konnte der Verein engagieren, um die Obdachlosen musikalisch durch die Nacht zu begleiten. Zudem konnten im Nachgang viele der Sachspenden und Teile des eingekauften Essens an andere Hilfsorganisationen weitergegeben werden, die sie an Bedürftige verteilen.
Teilnehmerzahl deutlich geringer als 2025
Ein weiterer Grund für das Überangebot: die geringere Teilnehmerzahl. Geplant war die Offene Nacht für 300 Wohnungs- und Obdachlose, in den vergangenen Jahren wurde diese Zahl stets erreicht, so Kettler. Sie sieht den Grund dafür nicht in gesunkener Not, sondern in den eisigen Temperaturen, um die Feiertage.
„In vielen Notunterkünften gilt: Wenn du das Bett verlässt, bekommt es der nächste. Da ist klar, dass die Wohnungs- und Obdachlosen die Sicherheit vorziehen“, erklärt Kettler. Sie will in den kommenden Wochen mit den Verantwortlichen über diese Regelungen sprechen und Änderungen anregen.
Ein positiver Effekt der geringeren Teilnehmerzahl sei die intensivere Betreuung, die man realisieren konnte, hebt Kettler hervor. Eine Person habe kurzerhand mitgeholfen, die Spenden und das Essen an andere zu verteilen – vom Betroffenen zum Helfer. „Da geht mir als Pädagogin das Herz auf, ich hoffe, das hallt noch lange bei den Betroffenen nach“, sagt Kettler.
CVJM wünscht sich mehr Ehrenamt
Auch wenn noch viele Monate bis zur nächsten Offenen Nacht vergehen, denkt Kettler bereits an die Organisation des Weihnachtsfestes 2026. Sie geht davon aus, viele der Großspender wieder zurückgewinnen zu können, um die Offene Nacht erneut so zu organisieren wie vor wenigen Tagen. Zudem hofft Kettler, dass die Spendenbereitschaft der Privatpersonen nicht einmalig bleibt. „Zu Weihnachten sind die Menschen spendabel“, mahnt Kettler jedoch abschließend.
Die Pädagogin appelliert: „Der CVJM macht diese Aktion nur zu Weihnachten, aber es gibt viele Organisationen, die täglich auf der Straße sind, die gilt es ebenfalls zu unterstützen.“ Dabei gehe es nicht nur ums Geld. „Wenn ich bei unseren Netzwerktreffen in die Runde schaue, dann sind da viele über 70. Dort wird Nachwuchs dringend benötigt und ich hoffe, dass Leute nachkommen, um uns zu unterstützen.“





