Burckhard Rehage, Sprecher der AG „Aufarbeitung der NS-Zeit in Worpswede“ des Heimat- und Geschichtsvereins, bei der Einweihung der Granitstele auf dem Gelände des Worspweder Rathauses. Foto: Utke Burckhard Rehage, Sprecher der AG „Aufarbeitung der NS-Zeit in Worpswede“ des Heimat- und Geschichtsvereins, bei der Einweihung der Granitstele auf dem Gelände des Worpsweder Rathauses. Foto: Utke
Worpswede

Mahnmal für Ermordete

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Von Nationalsozialisten getötete Worpswederinnen und Worpsweder erhalten Gedenkort

Menschen strömen in Richtung des Rathauses, die dort gehisste Deutschlandflagge weht auf Halbmast. Über 100 Menschen sind gekommen, um der Einweihung des auf dem Rathausgelände eingerichteten Gedenkorts für die in der Zeit des Nationalsozialismus getöteten oder in den Tod getriebenen Bürgerinnen und Bürger der jetzigen Gemeinde Worpswede beizuwohnen. Es ist der 27. Januar, Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahre 1945 und Holocaustgedenktag.

 

Stelen mit Namen und Biographien

Das Mahnmal besteht aus zwei Stelen: Eine Tafel aus hellgrauem Granit trägt die Namen, Geburts- und Todesdaten von 20 Worpsweder Bürgerinnen und Bürgern, die der Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Platz für weitere Daten gibt es noch: „Wir gehen davon aus, dass sich noch mehr finden“, erläutert Burckhard Rehage, Sprecher der für das Projekt verantwortlichen Arbeitsgruppe.

Auch für jene, deren Geschichten erst nach Einweihung des Gedenkorts rekonstruiert werden können, soll die Stele künftig noch Platz bieten. Wer die Namen auf der Granittafel liest, hat die zweite Stele im Rücken: Hier führt ein QR-Code zu Kurzbiographien der im Gedenkort verewigten Personen unter heimatverein-worpswede.de/gedenkort.

Für Initiation und Umsetzung des Projekts sowie für die Erarbeitung der Kurzbiographien zeichnet der örtliche Heimat- und Geschichtsverein verantwortlich. Die dem Verein angehörige Arbeitsgruppe „Aufarbeitung der NS-Zeit in Worpswede“ entwickelte die Idee und realisierte sie in unter einem Jahr. Unterstützung erhielt die AG aus der Stadtgesellschaft sowie von lokalen Vereinen und Initiativen.

 

Menschen an die Orte zurückholen, von denen sie vertrieben wurden

Sechs der Menschen, denen nun ein Denkmal gesetzt ist, fielen der Shoah zum Opfer. Zwölf wurden in Euthanasieprogrammen ermordet, weil sie aufgrund einer realen oder vermeintlichen Behinderung als nicht arbeitsfähig galten. Eberhard Osthaus wurde auf offener Straße zwischen Grasberg und Tarmstedt erschossen. Das jüngste auf der Stele vermerkte Opfer, Gabryle Przygoda, wurde keine drei Monate alt.

„Wir können die Opfer nicht retten“, sagt Rehage, und bevor er weiterspricht, muss er sich sammeln, um die Fassung zu bewahren. „Aber was wir können, ist, ihnen einen Teil ihrer Würde zurückzugeben.“ Mit der Stele wolle die AG die Menschen symbolisch an den Ort zurückholen, von dem die Nationalsozialisten sie so dringend vertreiben wollten.

 

Lehren für die Gegenwart

„Die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes geschahen nicht irgendwo – sie geschahen auch hier, in unserer Mitte“, vergegenwärtigt Bürgermeister Stefan Schwenke in seinem Grußwort, und appelliert: „Erinnerung ohne Konsequenzen bleibt folgenlos“.

Angesichts einer verrohenden Sprache, alltäglicher Ausgrenzung und Angriffen auf demokratische Institutionen in der heutigen Zeit „müssen wir Stellung beziehen“, ist Schwenke überzeugt. Dass das Mahnmal auf dem Rathausgelände steht, begrüßt er, denn „ein Rathaus ist ein politischer Ort, ein Ort demokratischer Verantwortung.“

Für die lokale Initiative „Nie wieder – Erinnern für die Zukunft“ spricht Ian Bild. Die Stele erinnere die Menschen daran, dass es sich bei den Opfern der Nationalsozialisten um Menschen handele, nicht bloß um Zahlen. „Jeder Mensch hatte einen Namen. Jeder Mensch hatte eine Geschichte, und jede Geschichte ist einzigartig.“

Zur Einweihung eines Gedenkortes gehört auch das Gedenken selbst: Heutige Worpsweder Bürgerinnen und Bürger verlesen die Namen der damals ermordeten Worpsweder. Für jede Person platzieren sie eine weiße Rose vor der Stele. 20 Rosen für 20 Ermordete. Nach einer Schweigeminute zerstreut sich die Menge.

Einige wärmen sich in der Ratsdiele auf, doch viele verbleiben länger am Gedenkort. Manche verbeugen sich vor dem Mahnmal, einige murmeln Fragen an die Schatten der Vergangenheit. „Ich hätte gerne gewusst, was für ein Mensch du bist“, flüstert eine Frau. Sie blickt auf die Stele. Zu welchem der 20 Namen sie spricht, ist nicht zu erkennen.

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