Bintah Bah engagiert sich als Mitbegründerin des Vereins Lundu seit vielen Jahren gegen weibliche Genitalverstümmelung und klärt in Bremen über das tabuisierte auf. Für ihr Engagement wurde sie vom Landesfrauenrat Bremen unter dem Motto „#GemeinsamStark: Frauensolidarität als Antwort auf politische Krisen“ als Bremer Frau des Jahres gewählt. Foto: Schlie Binta Bah engagiert sich als Mitbegründerin des Vereins Lundu seit vielen Jahren gegen weibliche Genitalverstümmelung und klärt in Bremen über das tabuisierte auf. Für ihr Engagement wurde sie vom Landesfrauenrat Bremen unter dem Motto „#GemeinsamStark: Frauensolidarität als Antwort auf politische Krisen“ als Bremer Frau des Jahres gewählt. Foto: Schlie
Weltfrauentag

„Diese Scham muss enden“

Von
Bremer Frau des Jahres: Binta Bah engagiert sich gegen weibliche Genitalverstümmelung

Binta Bah wurde vom Landesfrauenrat Bremen als Bremer Frau des Jahres ausgewählt. Im Interview spricht Bah über ihr Engagement in Bremen und ihren Verein Lundu.

WESER REPORT: Frau Bah, der Landesfrauenrat hat sie zur Bremer Frau des Jahres gekürt. Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Sie?

Binta Bah: Ich freue mich sehr darüber, aber ich möchte gleich sagen: Diese Auszeichnung bedeutet nicht, dass ich die beste Frau bin oder mehr gemacht habe als andere. Für mich gehört sie allen Frauen in Bremen, besonders den Frauen hier bei meinem Verein Lundu.

Sie gehört den Frauen die sich hier ohne Honorar engagieren. Und sie gehört unseren Klientinnen, die ihre Geschichten teilen. Viele sind alleinerziehend, lernen Deutsch, kämpfen mit Behörden und organisieren ihr Leben neu. Diese Frauen sind für mich die eigentlichen Frauen des Jahres.

Sie haben den Verein Lundu schon angesprochen. Sie haben eine große Rolle in dessen Entstehungsgeschichte gespielt. Wie lief das ab?

Ich bin selbst als Geflüchtete aus Gambia nach Deutschland gekommen und hatte viele Probleme – mit der Kultur, dem Alltag und auch mit Dingen in meinem Kopf, die ich damals nicht verstanden habe.

Durch Schule und Ausbildung habe ich viel gelernt und irgendwann gemerkt: Es muss sich etwas ändern. Nach meiner Ausbildung wusste ich, jetzt ist die Zeit, einen Verein zu gründen. Eine Anlaufstelle für Frauen mit Migrationsgeschichte, aber auch für andere.

Ich habe mich weiterqualifiziert, damit ich fachlich gut aufgestellt bin, und dann haben wir angefangen.

Und was bietet ihr Verein konkret an Angeboten?

Unfassbar viel. Zum Beispiel gibt es Deutschkurse für Frauen mit Kindern, die keinen Kita-Platz haben. Dank Unterstützung der Senatorin für Soziales können wir Kinderbetreuung anbieten.

Wir organisieren auch Veranstaltungen, laden Anwälte, Ärzte und andere Fachleute ein, um Wissen zugänglich zu machen und unsere Stimmen zu stärken. Einmal im Jahr veranstalten wir das Kulturfest der Frauen in Bremen, diesmal am 30.05. im Schlachthof.

Viele Frauen kommen auch mit Briefen vom Jugendamt oder anderen Behörden zu uns. Wir lesen das gemeinsam, erklären Begriffe, sprechen über Unterschiede zwischen Familienrecht und anderen Zuständigkeiten. Es geht darum, dass sie verstehen, was passiert. Und dann widmen wir uns natürlich intensiv dem Thema FGM.

FGM – das ist englisch für female genital mutilation – auf Deutsch weibliche Genitalverstümmelung. Warum ist es wichtig darüber hier in Deutschland und Bremen zu sprechen

FGM ist ein globales Thema, und Deutschland gehört dazu. Auch wenn es in den Lebensrealitäten von vielen keine Rolle spielt ist klar: Es gibt hier viele betroffene Frauen und auch Mädchen, die gefährdet sind.

Egal ob sie herkommen oder hier geboren sind. Das Thema muss hier ankommen. Manche werden in den Ferien im Herkunftsland beschnitten. Deshalb müssen wir darüber sprechen.

Denn die gesundheitlichen Schäden sind enorm. Von starken Blutungen bis zu Problemen bei Geburten. Dazu kommen psychische Folgen. Viele Frauen sind sehr zurückhaltend, weil sie Gewalt erlebt haben – ohne Betäubung, ohne Hilfe. Das prägt.

Die Frauen sollen wissen: Das machen wir nicht an unseren Kindern. Gleichzeitig gibt es viele Missverständnisse. Manche sagen zu mir, ich verrate meine Kultur oder passe mich den Weißen an. Aber es geht nicht um Kultur gegen Kultur, sondern um Gesundheit und Rechte.

Und es sind nicht nur Männer, die eine Rolle spielen. Es kommen auch Männer zu uns in die Beratung, etwa wegen sexueller Probleme als Folge von FGM. Auch sie brauchen Unterstützung.

Gab es einen Moment, der Sie besonders zum Handeln bewegt hat?

Ja. In meinem Umkreis sollte ein kleines Mädchen beschnitten werden, ich habe das über Umwege erfahren. Ich habe versucht, es zu verhindern und über die Komplikationen gesprochen. Trotzdem wurde es gemacht.

Das Kind verlor viel Blut, und die Familie hatte Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Ich habe die Polizei informiert. Am Ende ist nichts passiert, es gab keine Konsequenzen. Aber für mich war klar: Jetzt muss ich handeln. Kurz danach habe ich mit sieben weiteren Personen beschlossen, Lundu zu gründen.

Was gibt Ihnen Kraft für diese, häufig ja auch emotional belastende Arbeit?

Wenn ich sehe, dass mehr Frauen und auch Paare zu uns kommen und Beratung annehmen. Wenn Betroffene trotz allem Deutsch lernen und sich integrieren. Die Hürden sind unfassbar hoch. Es geht langsam, aber es bewegt sich etwas. Das gibt mir Kraft.

Und wenn Sie in die Zukunft schauen, was wollen sie mit Lundu noch erreichen?

Ich träume groß. FGM soll enden. Bis dahin wünsche ich mir, dass die Aufklärung größer wird – auch in Ländern wie Gambia. Dort gibt es bereits eine Gruppe, die sich auch Lundu nennt und über FGM spricht.

In Deutschland möchte ich, dass FGM stärker in Schulen und besonders in der medizinischen Ausbildung thematisiert wird. Es gibt Frauenärzte, die FGM nicht erkennen. Gleichzeitig wünsche ich mir mehr Respekt im Umgang mit Betroffenen. Sie dürfen nicht wie Anschauungsobjekte behandelt werden. Es braucht Aufklärung und Zeit für Gespräche. Und: Viele trauen sich nicht über das Thema zu sprechen oder etwas darüber zu hören. Diese Scham muss enden.

Das Gespräch führte Philipp Behrbom

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren...

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner