Pfleger Patrick (Timon Finke) muss sich erst noch an den Umgangston mit (von links) Agnes (Edda Hillmann-Quest), Maria (Astrid Koschnitzki) und Fine (Silke Kühtmann) gewöhnen. Foto: Roskamp
Osterholz-Scharmbeck

„Skat? Lieber sterbe ich!“

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Mit „Avendroot“ spielt das TIO ein triumphales Saisonfinale

Zu einem Publikumsliebling dürfte oder vielmehr sollte sich die Inszenierung von „Avendroot“ mausern. Das Stück beschließt die aktuelle Saison beim Theater in OHZ (TIO) und bietet dem Publikum Lacher, Kurzweil, den ein oder anderen Stutz-Moment und sogar Parts zum Mitklatschen.

So viel zur Ausgangslage: Drei Damen kommen von einer Beerdigung zurück in ihr Seniorenwohnheim, lassen sich über die Trauerrede aus und bereiten ein Partie Bridge vor. Nur leider wurde die vierte Mitspielerin leider just zu Grabe getragen. Was also tun? Skat? „Lieber sterbe ich“, meint Agnes (Edda Hillmann-Quest) resolut. Da poltert der neue Pfleger Patrick (Timon Finke) ins Zimmer. Der kann zwar kein Bridge, dafür aber Poker. Die Damen eröffnen dem jungen Mann, dass man Strip-Poker spielen werde, der erste Vorhang fällt.

Was als nächstes passiert, wird man sich vielleicht denken können. Als kleiner Tipp sei gesagt, dass man mehr von Finke zu sehen bekommt, als man vielleicht gedacht hätte (natürlich bleibt alles auf einem jugendfreien Niveau).

Es tauchen noch auf Bruno (Felix Murken), einer von Fines (Silke Kühtmann) ehemaligen Bühnenkollegen, und Natalie (Elena Razetti), die in einer besonderen Beziehung zu Maria (Astrid Koschnitzki) steht. Und hier offenbart sich die größte Stärke der Komödie von Folke Braband: Es gibt keine schwachen Rollen in diesem Stück. Jeder bringt Eigenarten mit. Patrick ist ein furchtloser Entertainer, Fine schwebt noch auf ihren schauspielerischen Bühnenerfolgen vergangener Jahrzehnte, Maria will sich um alle kümmern und sieht sich mit einer unverhofften Tatsache konfrontiert. Bruno und Agnes wetteifern um die tragischste Figur. Während Bruno mehrere Geheimnisse mit sich herumträgt, lebt Agnes zwar froh in ihrer eigenen Welt, bekommt dafür aber auch nur sporadisch mit, wenn etwas um sie herum passiert. Regisseurin Astrid Gries hat sämtliche Rollen hervorragend herausgearbeitet, ohne den Witz des Stückes aus den Augen zu verlieren.

Ein Moment sticht bei alledem freilich besonders hervor. Patrick mimt den Sänger Tony Christie, singt aus voller Kehle zum Playback mit. Finke sprüht derart voller Energie und Charme, dass einem Redakteur kein passender Vergleich einfallen will. Murken fällt die vergleichsweise undankbare Aufgabe zu, Ausschnitte bekannter Theaterstücke zu zitieren. Das ist aber eher dem Stoff des Stückes geschuldet und Murken selbst gibt einen liebenswerten und menschlichen Bruno. Ein großes Lob auch an Hillmann-Quest, deren komödiantisches Timing meisterlich ist.

Das Publikum war bei der Premiere bestens aufgelegt, was bei der Qualität kaum überrascht. Noch elfmal kann man „Avendroot“ sehen, Termine findet man unter theater-in-ohz.de

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