Griechische Textilarbeiterinnen im Wohnheim der Nordwolle an der Thüringer Straße 35/36. Fotos: Stadtarchiv Delmenhorst, Fotonachlass Kunde Griechische Textilarbeiterinnen im Wohnheim der Nordwolle an der Thüringer Straße 35/36. Foto: Stadtarchiv Delmenhorst, Fotonachlass Kunde
Zeitreise

Arbeitsmigranten: Der Traum vom besseren Leben

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In der neusten Folge der Zeitreise trifft Werner Garbas in einer Fabrikhalle der Maschinenfabrik Weyhausen im Jahr 1964 mit ausländischen Arbeitnehmern zusammen. In Delmenhorst waren damals vor allem Griechen beschäftigt

Als ich in die Wunschzielsuche des Rechners der Zeitmaschine den Begriff „Gastarbeiterorte“ eingebe, werde ich schroff zurückgewiesen. Das Wort „Gastarbeiter“ sei euphemistisch, ich solle es mit „ausländische Arbeitnehmer“ oder „Arbeitsmigranten“ versuchen. Nachdem ich letzteres mit der Spracheingabe bestätige, führt die Reise in die Vergangenheit in das Jahr 1964.

1964 lebten 436 Arbeitsmigranten in Delmenhorst

Es ist Mittwoch, der 8. Januar, und ich finde mich in einer Produktionshalle der Maschinenfabrik Weyhausen am Westerfeld wieder. An einer der Werkbänke treffe ich auf den jungen aus Kalkutta stammenden Inder Anil. Er arbeitet als Praktikant bei dem für seine hydraulischen Lader, Bagger und Kräne bekannten Hersteller und will sich als Maschinenschlosser qualifizieren. Insgesamt anderthalb Jahre hat er für seinen Aufenthalt in Deutschland eingeplant, dann will er die Heimreise antreten, ein Studium aufnehmen und Kraftfahrzeug-Ingenieur werden.

Vidalis aus Athen arbeitete als E-Schweißer bei der Maschinenfabrik Weyhausen. Foto: Stadtarchiv Delmenhorst, Fotonachlass Kunde

Vidalis aus Athen arbeitete als E-Schweißer bei der Maschinenfabrik Weyhausen. Foto: Stadtarchiv Delmenhorst, Fotonachlass Kunde

Mein nächster Kontakt ist der Elektroschweißer Vidalis aus Athen. Die besseren Verdienstmöglichkeiten in Deutschland hatten ihn dazu veranlasst, Griechenland zu verlassen. Es geht ihm gut in Delmenhorst, und er denkt vorläufig nicht an eine Rückkehr. Der 29-Jährige führt eine glückliche Ehe und schwärmt von seiner sechsjährigen Tochter. In die griechische Gemeinde in Delmenhorst ist er fest integriert und hat dort viele Freunde.

Griechen waren guten in Delmenhorst integriert

Zu Beginn des Jahres 1964 lebten 436 Arbeitsmigranten in Delmenhorst, von denen die Griechen den Hauptanteil stellten: 254 Frauen und 130 Männer. Daneben wies die Statistik 36 spanische Bürgerinnen und Bürger, neun Italiener und fünf Türken aus. Größte Arbeitgeber waren die Nordwolle und die Jutespinnerei. Bei der Wolle war es schon 1960/61 nicht mehr möglich, vorhandene Arbeitsplätze zu besetzen, es herrschte insbesondere ein Mangel an Textilarbeiterinnen.

Der Inder Anil an seiner Werkbank. Foto: Stadtarchiv Delmenhorst, Fotonachlass Kunde

Der Inder Anil an seiner Werkbank. Foto: Stadtarchiv Delmenhorst, Fotonachlass Kunde

Die Chefetage forderte daher 30 spanische Arbeiterinnen an, von denen die ersten am 9. Juni 1961 in Delmenhorst eintrafen. 1962 ließ das Unternehmen erstmals griechische Arbeitskräfte anwerben, Beginn der Ära einer weiteren größeren Zuwanderung nach Delmenhorst nach der Industrialisierung ab 1870 und den Flüchtlingsströmen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Vor allem auf der Nordwolle und in der Jutespinnerei gab es Arbeit

Eine Ende 2016 erstellte Statistik der ausländischen Bevölkerung in Delmenhorst nach am häufigsten vertretener Staatsangehörigkeit zeigt auf den ersten fünf Plätzen völlig veränderte Ergebnisse: Türkei 2385, Polen 1428, Syrien 1150, Bulgarien 1040 und Rumänien 715.

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