Reto Weiler im Gespräch. Reto Weiler wurde 1947 in Wädenswil in der Schweiz geboren. Der Neurobiologe lehrt und forscht an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Im September 2008 wurde er zum Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs (HWK) ernannt. Foto: Meyer
Interview

Abschied von der Delmenhorster Denkfabrik

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Nach zehn Jahren als Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs übergibt Reto Weiler die Leitung an die Bremer Neuroinformatikerin Kerstin Schill. Der Schweizer über seine Zeit an der Delmenhorster Denkfabrik.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag als Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs erinnern? Was haben Sie gedacht, als Sie erstmals als Rektor das Haus betreten haben?

Reto Weiler: Ich habe mich über das schöne Büro gefreut. Genau kann ich mich aber nicht erinnern. Das hat auch damit zu tun, dass ich das HWK schon viel länger kannte. Ich hatte indirekt sogar schon eine Beziehung bevor das Gebäude stand. Die ersten Fellows waren ja schon hier, bevor das Gebäude fertig war. Damals hat man Wohnungen und Appartements gesucht. Genau zu der Zeit gingen wir für ein halbes Jahr nach Australien und unser Haus stand leer. Dann habe ich das angeboten und einer der ersten HWK-Fellows hat dann in meinem Haus gewohnt.

Wissen Sie noch, was Ihre erste Amtshandlung war?

Genau weiß ich es nicht mehr. Vermutlich habe ich Verträge für Fellows unterschrieben. Das macht man relativ häufig als Rektor. Irgend etwas in der Art wird es gewesen sein.

Wissen Sie schon, was Ihre letzte Amtshandlung sein wird?

Die ganz Letzte wird sein, dass ich meine letzten Bücher heraus trage und damit nach Hause fahre. Das ist nicht unbedingt eine Amtshandlung, aber das ist auch keine Tätigkeit, die so stark von Amtshandlungen geprägt ist. Man gestaltet hier einen Zeitraum für die Fellows.

Die Ära Weiler ist geprägt von Projekten wie Artist in Residence oder Fiction meets Science. Warum war Ihnen die Kopplung von Kunst und Wissenschaft so wichtig?

Da gibt es mehrere Gründe. Der eine war, dass wir hier am Hanse-Wissenschaftskolleg einen akademischen Zeitrahmen schaffen müssen, in dem die Fellows mit ihren Gedanken umgehen, Gedanken austauschen und Gedanken entwickeln können. Wir machen ja keine direkte Forschung, es gibt hier keine Labore. Hier sollen Köpfe arbeiten. Dafür muss man eine Umgebung schaffen, die das einfach ermöglicht. Dazu gehören auch ästhetische Erfahrungen, die anders sind als die, die man sonst gewohnt ist. Deshalb war es mir von Anfang an wichtig, hier durch Kunst, durch wechselnde Bilder eine Atmosphäre zu schaffen, die das Denken erleichtert. Es gibt eine Anregung, der man ausgesetzt ist.

Es gab aber auch den aktiven Austausch zwischen Künstlern und Wissenschaftlern.

Das ist der andere Aspekt. Es ist immer wieder spannend die kreativen Zugänge in der Kunst und in der Wissenschaft zusammen zu bringen. Beide können immer wieder voneinander lernen. Wenn wir in die Menschheitsgeschichte schauen, dann waren die Blütezeiten immer, die wo Kunst und Wissenschaft miteinander verwoben waren. Der dritte Aspekt ist ein persönlicher: Ich bin mit einer Künstlerin verheiratet.

Sie haben dem HWK Ihren Stempel aufgedrückt. Hat das HWK Sie auch verändert?

Das können die Menschen um mich herum viel besser beurteilen. Ich denke ja. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Es hat mir sehr viel stärker die Breite der Wissenschaften dargestellt. Ich hatte das Privileg, mit ganz unterschiedlichen Fächern in Berührung zu kommen. Es war für mich extrem anregend und faszinierend, in die Tiefe der verschiedenen Disziplinen hinein zu schauen. Das hat mich vorsichtiger gemacht im Umgang mit der eigenen Disziplin. Man merkt, dass die eigene Fachrichtung nicht die einzige ist, die zur Wahrheit und zu Erkenntnissen führt. Ich habe eine gewisse Demut gegenüber der Wissenschaft entwickelt.

Welcher Fellow hat Sie besonders beeindruckt?

Es wäre unfair, wenn ich einen Namen nennen würde. Das hat immer mit den persönlichen Bezügen zu tun und ist auch von Zufälligkeiten abhängig. Mal hat man mehr Zeit, mit einer Person zu reden, mal kann man es nicht so intensiv tun, wie man es möchte. Mich haben ältere Personen begeistert, die schon emeritiert waren, mit ihrem enormen Wissen, aber auch ganz junge Leute. Für mich war es immer ein besonderes Vergnügen, italienische Fellows hier zu haben, die wie ich auch Opernfanatiker waren.

Worauf sind Sie besonders stolz, wenn Sie die Entwicklung des Hauses betrachten?

Das Gutachten des Wissenschaftsrates. Wir haben drei Aufträge, wenn man so will: Wir sollen ein internationales Institut sein, attraktiv für Fellows aus der ganzen Welt. Gleichzeitig haben wir den Auftrag, eine Schubkraft in den Wissenschaftsbereich der Universitäten zu bringen und deren Exzellenz zu fördern. Der dritte Auftrag ist, die Region zu stärken. Der Wissenschaftsrat hat uns bescheinigt, dass wir auf allen drei Ebenen Hervorragendes geleistet haben. Darauf sind wir stolz.

Gibt es auch etwas, das Sie gerne noch erreicht hätten?

Ich hätte mir gewünscht, dass es uns gelungen wäre, die Kooperation zwischen unseren beiden Universitäten in Bremen und Oldenburg zu stärken. Wir hatten dafür unterschiedliche Ansätze zur Vernetzung. Gerade im Bereich der Erziehungswissenschaften gibt es viele Syn­ergien, die man ausnützen könnte. Grundsätzlich wird das Potenzial an Gemeinsamkeiten hier in der Region nicht ausgeschöpft, da könnte man noch mehr machen.

Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie demnächst nicht mehr HWK-Rektor sind?

Das schöne Gebäude. Es war jeden Tag eine Freude hier her zu kommen. Es strahlt genau das aus, wofür es geschaffen worden ist. Die Ästhetik des Gebäues, der Moment, wenn man den Hügel hinauf fährt, das werde ich auf jeden Fall vermissen. Dann natürlich die sehr professionellen Mitarbeiter, die mich immer umsorgt haben und natürlich auch den Austausch mit den Fellows.

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