Familien aus Böhmen vor den einfachen Arbeiterhäusern der Enklave. Foto: Archiv Dr. Ruppert Familien aus Böhmen vor den einfachen Arbeiterhäusern der Enklave. Foto: Archiv Dr. Ruppert
Historie

Bier, Soleier und Musik

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Auf der Wolle wurde nicht nur gearbeitet sondern auch viel zusammen gefeiert und musiziert.

Die 1884 gegründete Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei deckte ihren enormen Bedarf an billigen Arbeitskräften wie schon vor ihr die Jutespinnerei insbesondere mit Zuwanderern aus dem Osten.

Die erste Welle von Migranten brachte neben Deutschen aus allen Teilen des Reiches vor allem Menschen aus dem Kronland Böhmen der österreich-ungarischen Monarchie nach Delmenhorst.

Migranten aus Böhmen

Die „Wolleaner“ fanden zunächst Unterkunft in den einfachen Arbeiterhäusern der Enklave direkt auf dem Werksgelände und in Wohnungen der Heimstraße. Trotz ihrer abweichenden Herkunft und Mentalität kamen die Menschen verschiedener Ethnien miteinander zurecht, verstanden sich und pflegten untereinander ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis. Die gemeinsame Arbeit war das Bindeglied, das sie zusammenschmiedete.

Der Blick schweift durch die Heimstraße auf das Mädchenheim der Wollkämmerei im Hintergrund. Foto: Sammlung Garbas

Der Blick schweift durch die Heimstraße auf das Mädchenheim der Wollkämmerei im Hintergrund. Foto: Sammlung Garbas

Straßenfeste sind keine Erfindung unserer Zeit, sondern waren im Fabrikenviertel unserer Stadt schon in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts ein fester Bestandteil des Zusammenlebens. Sie wurden von allen Bewohnern gemeinsam veranstaltet, förderten den Kontakt der Nachbarn untereinander, schufen ein Gemeinschaftsgefühl und dienten dazu, sich auszusprechen. Sie boten eine willkommene Abwechslung vom Alltag.

Gesellige Straßenfeste

Mindestens einmal im Jahr plante man eine derartige Festivität, besorgte Bier und andere Getränke, steuerte Heringe, Soleier, Frikadellen und andere schmackhafte Dinge bei und kam dann mit Kind und Kegel zu einer ausgelassenen Feier zusammen, die mit Tanz und Musik fröhlich oft bis in die frühen Morgenstunden dauerte.

Musik und Gesang gehörten ohnehin zu den typischen Attributen des Wolledistrikts. Mit den Zuwanderern war ein musikalischer Menschenschlag nach Delmenhorst gekommen. Wenn an Sonntagen morgens die Kirchzeit zu Ende ging, waren überall in den Straßen Instrumente unterschiedlichster Art zu hören. In den Wohnungen der Werkmeister am Privatweg sollen, wird kolportiert, sogar Pianos erklungen haben.

Musizierte auf zahlreichen Festen und Familienfeiern: Anton Ruppert (Akkordeon), hier mit August Bienek am Schlagzeug. Foto: Archiv Dr. Ruppert

Musizierte auf zahlreichen Festen und Familienfeiern: Anton Ruppert (Akkordeon), hier mit August Bienek am Schlagzeug. Foto: Archiv Dr. Ruppert

Auch eine ganze Reihe von Kapellen wurde von Musikern der „Gastarbeiter“ gegründet. Einen hohen Bekanntheitsgrad genossen der „Pensl-Bepp“ und Anton Ruppert, und die Familie Ullmann hatte eine Musikgruppe aus der Taufe gehoben, die über viele Jahre Bestand hatte und bei Festen und Tanzveranstaltungen nicht wegzudenken war.

„Gastarbeiter“-Kapellen

So bestimmte zum Glück nicht nur harte Arbeit und Tristesse das Leben der Zugewanderten, sondern die wenn auch noch karge Freizeit bot ihnen mit gemeinsamen Festen und Musik Entspannung und Erholung.

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