Alkoholkonsum: Der Übergang von Genuss zu Missbrauch bis hin zur Sucht ist fließend. Foto: Schlie
Alkoholsucht

Isolation ist gefährlich für vorbelastete Menschen

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Alkoholsucht in der Coronakrise: Ein Suchtmediziner spricht über die Gefahren.

Ein Eierlikör zu Ostern, ein Gläschen Wein zum Feierabend oder ein Bier am Grill – Alkohol ist fast immer dabei. Wir sind ja schließlich gesellig und vernünftig, können jederzeit wieder aufhören. Doch genau das können viele Menschen irgendwann nicht mehr. Der Übergang vom Genuss zur Abhängigkeit ist schleichend. Und spätestens an der Stelle fängt Alkoholkonsum an, gefährlich zu werden.

Laut des Jahrbuchs Sucht 2019 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sank der Gesamtverbrauch an alkoholischen Getränken im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr zwar um 2,38 Prozent auf 131,1 Liter pro Kopf. Aber trotz eines geringen Rückgangs geben die Experten keine Entwarnung, denn „Deutschland ist ein Hochkonsumland in Bezug auf Alkohol. Etwa 74.000 Todesfälle jährlich werden durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht“.

Soziale Isolation als Risikofaktor

Bremen ist in dieser Statistik Spitzenreiter: Auswertungen der Barmer Krankenkasse im vergangenen Jahr zeigen, „dass in Niedersachsen 1,4 Prozent der Arbeitnehmer mit Alkoholproblemen zu kämpfen haben, in Bremen sind es sogar 1,9 Prozent – die höchste Quote in ganz Deutschland“, sagt Heike Sander, Landesgeschäftsführerin der Kasse in Niedersachsen und Bremen. Übrigens: Bei Männern liegen 2,3-Mal häufiger Alkoholprobleme vor als bei Frauen.

Was in normalen Zeiten schon schwer handzuhaben ist, wird in Zeiten der Corona-Isolation vermutlich nicht gerade leichter. Viele Arbeitnehmer gehen seit etwa einem Monat nicht ins Büro, machen Home Office. Ob man mit Wein oder Kaffee vor dem PC sitzt, bekommt von außen kaum einer mit. Wirkt sich das Fehlen dieser sozialen Kontrolle, des Auf-sich-zurückgeworfen-seins negativ auf den Alkoholkonsum aus?

„Soziale Isolation ist ein Risikofaktor für viele Störungen und Krankheiten“, sagt Martin Lison, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Klinikum Bremen-Ost, der auch die Abteilung für Suchtmedizin angehört. „Wir Menschen sind sozial, Gruppenwesen, keine Einzelgänger. Das Umfeld ist wichtig für unser psychisches Gleichgewicht. Wenn wir dieses soziale Netz nicht mehr haben, dann steigen die Risikofaktoren für Depressionen und Süchte.“

Bisher zeichnet sich noch kein Anstieg ab

Zudem würden Isolation und Einsamkeit Ängste und innere Spannungen auslösen. Vor allem für Menschen, die nicht gut längere Zeit alleine mit sich sein können, sei das kaum auszuhalten. Sie versuchen, diesen Zustand mit unterschiedlichen Strategien zu bekämpfen: „Einige joggen, lesen, basteln – andere konsumieren Substanzen. Und Alkohol führt auch dazu, dass wir uns zunächst entspannen und beruhigen und unangenehme Emotionen zurückdrängen. Mit erhöhtem Konsum kann dieser Selbstbehandlungsversuch aber nur missglücken, denn der Übergang zwischen Missbrauch und Sucht ist oft fließend“, sagt der Facharzt.

Das Risiko, in die Abhängigkeit abzurutschen, sei zudem für diejenigen größer, die auch vor Corona schon Probleme hatten. Trotzdem sei die Suchtklinik momentan nicht überlaufen, Lison rechnet bislang auch nicht mit einer Zunahme der Fälle: „Es sind erst vier Wochen. Dass sich ein Anstieg abzeichnet, glaube ich nicht, denn die Zeit ist noch nicht lang genug dazu. Dauert der Zustand der Isolation allerdings mehrere Monate, dann könnten die Zahlen doch noch ansteigen.“

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