Der Umgang mit Technik ist dem Theater nicht neu. Hier tauscht sich Nathanael (Fabian Kulp) mit dem Automat Olimpia (Scheinwerfer) aus. "Der Sandmann" war eine Produktion des Oldenburgischen Staatstheaters. Foto: Stephan Walzl
Oldenburg

Theater auf Brettern aus Nullen und Einsen

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Festival „flausen+Banden!“ findet nach Zwangspause in geänderter Form statt.

Wenn man sich sehr konzentriert kann man fast hören, wie die Bühnenkünstler weltweit mit den sprichwörtlichen Hufen scharren. Seit über einem Jahr sind abgesagte Aufführungen und verschobene Festivals an der Tagesordnung, auf den Kulturkalendern herrscht, bis auf vereinzelte Ausnahmen, oft traurige Leere. Abhilfe schafft das Oldenburgische Staatstheater mit der lang erwarteten zweiten Ausgabe des 2017 ins Leben gerufenen Theaterfestivals „flausen+BANDEN!“, das in hauptsächlich digitaler Form vom 3. bis zum 6. sowie vom 10. bis zum 13. Juni stattfinden wird.

Für ausgehungerte Kulturfreunde soll das Festival ein gefundenes Fressen darstellen, hierbei kann man aufgrund des überwiegend digitalen Angebots das Theater besuchen, ohne dafür das Haus verlassen zu müssen. Aus der Not haben die Veranstalter so eine Tugend gemacht.

Drei Häuser schaffen neuen Raum im Netz

Realisiert wird das „flausen+BANDEN!“ Theaterfestival in gemeinsamer Arbeit vom Oldenburgischen Staatstheater, dem Theater Wrede+ und dem Theaterhaus Hildesheim. In vereinter Leistung wurde ein digitaler Raum geschaffen, der sich redlich müht, einen vollwertigen Theaterbesuch darzustellen. Dieses Ziel wird zu einem beeindruckend großen Teil erreicht. Angesichts der derzeitigen Lage kommt die digitale Lösung tatsächlich einem realen Theaterbesuch erstaunlich nahe. Streams laufen flüssig und in ausreichend guter Qualität, zum Austausch gibt es Chats aber auch ein innovativ realisiertes Foyer, in dem sich Gruppen an virtuellen Tischen versammeln und per Video miteinander reden können. Durch die überwiegend warme Farbgebung der Plattform fühlt man sich wie auf einer weichen Kulturwolke schwebend.

Ebenso innovativ wie die technische Komponente des Festivals gestaltet sich auch das Programm, das Theaterfreunde an den beiden Wochenenden unterhalten oder auch mal fordern will. Die Performance „I wish I was a .jpg“ der Künstlerin Luise März etwa setzt sich mit Melancholie und Dauerschlaf auseinander und geht der Frage nach, inwiefern sie als Formen der Selbstfürsorge gelten können. Die Choreografin Tümay Kilincel macht in „Dansöz“ eine feministische Auseinandersetzung mit dem Bauchtanz. Ihr Ziel ist es, den Bauchtanz als künstlerisches und emanzipiertes Tanzgenre zu betrachten und stereotype Zuschreibungen zu hinterfragen. Cora Frost überschreitet in seiner aktuellen Show „Love me- how wolves can change rivers“ die Geschlechtergrenze. Als Alter Ego Peter Frost wird er von sich erzählen und von Männern, die die Welt ein wenig besser gemacht haben. Im Gesamtzusammenhang geht es um Geschlechterrollen und um den Versuch, sie umzudeuten.

Des Weiteren gibt es Live Gameshows, Hörproduktionen und viele weitere Performances, von denen einige, so die Inzidenzzahlen es zulassen, vor Ort in Oldenburg stattfinden sollen. Im Notfall sind alternativ Livestreams geplant. Darüber hinaus soll das Publikum mit den Künstlern ins Gespräch kommen.

Austausch zwischen staatlicher und freier Szene

Marc-Oliver Krampe ist Chefdramaturg in der Sparte Schauspiel am Oldenburgischen Staatstheater und künstlerischer Leiter des Festivals. Er hat „flausen+BANDEN!“, ehemals nur „BANDEN!“ genannt, ursprünglich ins Leben gerufen, um den Austausch zwischen staatlicher und freier Theaterszene zu fördern. Die wachsende Diversität der Bevölkerung fordert auch eine größere Flexibilität des Theaters, argumentiert Krampe. Man könne sich so ideal über Arbeitsweisen austauschen, darüber hinaus werde bei dem Festival mit flachen Hierarchien gearbeitet, was bedeutet, dass nicht der Regisseur entstehenden Produktionen und Performances als allmächtiger Entscheider vorsteht. Vielmehr seien die Schauspieler und Schauspielerinnen auch Autoren.

Für Krampe sei das Festival auch insofern ein Experiment, als dass er sehen wolle, welche Formate in digitaler Form eine Zukunft haben. Er sei allerdings froh, dass man auch auf die Erfahrung aus dem Jahr 2017 zurückblicken könne, als das Festival seine erste Ausgabe hatte.

Das gesamte Programm des Theaterfestivals kann unter flausenbanden.de eingesehen werden. Dort findet auch der Verkauf der Tickets statt, ein Ticket für einen Wochenendblock kostet 10 Euro, ermäßigt 5 Euro.