In Pflegeheimen kann inzwischen kaum mehr eine hausärztliche Versorgung sichergestellt werden. Patienten müssen dann vom ärztlichen Notdienst versorgt werden. Foto: Pixabay
Ärztliche Versorgung

Rezepte vom Notdienst

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Wie sich der Ärztemangel im Stadtteil Woltmershausen für Pflegeheime zuspitzt

„Es ist eine katastrophale Situation“, beschreibt Sven Krol die hausärztliche Versorgung der Seniorinnen und Senioren im Haus Weserhof in Woltmershausen.

Kapazitäten sind ausgeschöpft

Angefangen hatte alles vor gut einem Jahr, als eine der drei Hausarztpraxen im Stadtteil aus Altersgründen schloss, ohne Nachfolge. „Wir konnten 35 Bewohnerinnen und Bewohner bei einer Praxis in Delmenhorst unterbringen, inzwischen sind 50 dort angenommen worden. Deren Kapazitäten sind aber auch ausgeschöpft“, berichtet der Pflegedienstleiter des Haus Weserhof. „Es ist jetzt so weit gekommen, dass erst jemand aufgenommen wird, wenn jemand anderes verstirbt. Manchmal muss man so lange warten, bis sogar zwei oder drei Patienten verstorben sind, damit ein anderer nachrücken kann“, schildert Krol die dramatische Situation.

Aufnahmestopp bei Hausärzten

Weder im Umland, noch in anderen Stadtteilen seien Hausärzte noch bereit, neue Patienten aus Pflegeheimen aufzunehmen, sagt Krol. Schon vor einem Jahr hatte das Haus 20 Praxen angeschrieben – ohne Antworten zu erhalten (WESER REPORT berichtete). Viele Bewohnende von Pflegeeinrichtungen sind nicht mehr mobil und auf die Besuche der Mediziner angewiesen.

Auch die Heimaufsicht, die Bremer Ärztekammer sowie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) wurden von Pflegeheimen schon um Hilfe gebeten. Die KV habe dem Weserhof vorgeschlagen, selber einen Arzt oder eine Ärztin anzustellen. Laut Bundesgesundheitsministerium müssen die Kassenärtzlichen Vereinigungen die medizinische Versorgung in Pflegeheimen sicherstellen.

Diese wiederum sind gehalten, Kooperationsverträge mit Ärzten abzuschließen. „Es kommt nicht in Frage, dass unser Personal dann den verwalterischen Aufwand übernimmt. Es müssten mindestens zwei Verwaltungskräfte dafür zuständig sein“, sagt Krol. Eine zusätzliche finanzielle Belastung. Kooperationsverträge gebe es bereits, diese würden allerdings einseitig nicht eingehalten, berichtet er.

Ärztlicher Notdienst muss einspringen

Krol sieht das grundlegende Problem auch in der Verteilung der Praxen und darin, dass diese bei Schließung keine Nachfolger finden. „Es ist inzwischen so weit gekommen, dass fünf Bewohnende vom ärztlichen Notdienst versorgt werden müssen – auch wenn es nur um ein Rezept geht. Damit binden wir leider Kapazitäten, die dann anderen fehlen“, sagt Krol.

Finanzierung eines Medizinischen Versorgungszentrums

2023 hatten die Beiräte Woltmershausen, Strom und Seehausen ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) im Stadtteil gefordert. Damals führte das Gesundheitsressort Gespräche mit Ärzten, die in einem solchen Zentrum als Angestellte arbeiten könnten. „Wir haben die Einrichtung eines ersten MVZ geprüft, die Finanzierung ist aber bei der angespannten Haushaltslage schwierig“, sagt Diana Schlee, Sprecherin des Gesundheitsressorts. Nun würden andere Fördermöglichkeiten geprüft, so Schlee weiter. Dazu habe man auch mit der KV und anderen Stellen Gespräche geführt.

Ambulante Versorgung wird seit Jahren vernachlässigt

Die KV in Bremen spielt den Ball indes zurück an die Politik: Seit Jahren werde die ambulante Versorgung vernachlässigt, sagt Sprecher Christoph Fox. „Alle Bundesländer suchen und werben Mediziner. In naher Zukunft wird die Situation in Bremen sich eher noch verschlechtern als verbessern“, prophezeit er.

Die Präsidentin der Bremer Ärztekammer, Christina Hillebrecht, mahnt zudem, dass Bremen der Nachwuchs auch wegen fehlender Studienmöglichkeiten fehle: „Die Vor­aussetzungen für den klinischen Teil des Studiums sind in Bremen vorhanden. Könnten Studierende diesen Teil der Ausbildung hier absolvieren, würden mit Sicherheit viele im Land Bremen bleiben.“

Die KV hat einen Forderungskatalog an die Politik gestellt, in dem sie mehrere Maßnahmen nennt, die Ärzte und Ärztinnen in die Stadt locken und halten sollen. Die KV selbst habe zudem bereits Maßnahmen eingeleitet, darunter Investitionskostenzuschüsse, Umsatzgarantien und die Schaffung einer Praxisbörse.

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