„Es macht einen Unterschied, ob wir die Geschichte erzählen, oder ein Historiker“, ist Anne Mechels überzeugt. Sie und ihre Geschwister erfuhren mehr oder weniger per Zufall, dass das, was ihnen über den Großvater erzählt wurde, nicht der Wahrheit entsprach – dass dieser ein NS-Verbrecher und Mörder war.
„Wir wussten immer, dass der Opa im Gefängnis war, aber als Kriegsgefangener“
Johann Mechels, geboren 1897 in Ostfriesland, war Sicherheitspolizist in Bremen. 1936 leitete er das Revier im Hafen und trat ein Jahr später der NSDAP bei. Nach mehreren Auslandseinsätzen wurde Mechels 1943 zum Major befördert und in den niederländischen Provinzen Friesland, Groningen und Drenthe stationiert.
Im Rahmen eines Generalstreiks in den Niederlanden legten zwei 13-Jährige in der von Mechels kontrollierten Provinz Bäumchen auf die Straße, in den Augen der Nazis ein Sabotageakt. 16 Menschen wurden gefangen genommen, darunter auch einer der Jungen. „Der Opa soll den Menschen gesagt haben, sie sollen sich in alle vier Himmelsrichtungen verteilen und verschwinden“, sagt Anne Mechels. Eine Lüge.
„Wir wussten immer, dass der Opa im Gefängnis war, aber als Kriegsgefangener“, sagt Anne Mechels. In Wahrheit wurde er für seine Taten verurteilt, erst in den Niederlanden, dann in Deutschland. 1954 wurde er nach nur sechs Jahren Haft frühzeitig entlassen. 1978 verstarb Johann Mechels, da war Anne Mechels vier Jahre alt.
Ausstellung deckt die Geschichte Johann Mechels auf
2011: Beim Besuch einer Ausstellung zur Vergangenheit der Bremer Polizei stößt Anne Mechels auf Berichte, die auch ihren Großvater betreffen. Sie holt ihren Vater nach Bremen, der bestätigt, seinen Vater auf den Bildern zu erkennen. „Mein erster Gedanke aus Enkelsicht war: Ich wusste gar nicht, dass der Opa reiten konnte“, erinnert sie sich.
Die wahre Geschichte ihres Großvaters und seiner Verbrechen ließt Anne Mechels in Karl Schneiders Buch „Auswärts eingesetzt“ nach. Auf 16 Seiten hat der ehemalige Bremer Polizist dargestellt, was wirklich geschehen ist: Die 16 Menschen wurden nicht frei gelassen. Johann Mechels ließ sie in Vierergruppen erschießen – auch den 13-Jährigen.
„Ich hatte bis dahin die Überzeugung, dass wir eine politisch denkende, antifaschistische Familie sind“, sagt Mechels. Während der Recherche zur Wahrheit kam sie auch mit John Gerardu vom Bremer Verein Spurensuche in Kontakt.
Vor drei Jahren dann erhielten die Geschwister Mechels und Gerardu eine Anfrage vom niederländischen Fernsehen. Dort sollte eine dreiteilige, landesweit ausgestrahlte Dokumentation die Geschichte der 16 Opfer aufarbeiten. „Ich kannte zwar schon die historische Wahrheit, im Zuge der Dokumentation ist mir die Dimension des Verbrechens aber erst bewusst geworden“, sagt die heute 50-Jährige.
Dokumentation bringt Mechels mit Betroffenen in Kontakt
Im Rahmen der Dreharbeiten trafen die Geschwister die Hinterbliebenen, auch den besten Freund des erschossenen Jungen. „Er ist kurz danach gestorben und hat mit 90 Jahren erstmals verraten, dass er die Idee hatte, die Bäumchen auf die Straße zu legen. Er trug diese Schuld sein Leben lang mit sich“, sagt Mechels. Sie habe sich im Anschuss entschieden, die Geschichte immer wieder zu erzählen. „Nicht weil ich denke, mein Opa war ein Monster.
Sondern weil ich denke, er war ein ganz normaler Mensch, ein Ostfriese, ein Polizist und gläubiger Christ seiner Zeit. Und trotzdem war er in der Lage, solche Dinge zu tun“, sagt Anne Mechels. „Wenn wir als Gesellschaft für ein ‚Nie wieder!‘ stehen wollen, müssen wir uns bewusst machen, dass die Täter auch ganz normale Menschen waren“, ist sie überzeugt.
In der Region um den Tatort wird seit 20 Jahren eine Gedenkfeier an der Grabstelle der Opfer begangen, die Geschwister nahmen im vergangenen Jahr erstmals teil und waren überwältigt von der Zahl der betroffenen Familien.
Sie hat weiter geforscht, begab sich auf Spurensuche in anderen Ländern. Dort fand sie unter anderem heraus, dass ihr Großvater mehrere hundert Menschen in der heutigen Slowakei töten ließ. Ihre Geschichte erzählt Anne Mechels zusammen mit ihrem Bruder in einem Vortrag. „Wir haben als Täternachfahren eine Verantwortung.“
Der Vortrag „Unser Großvater: Ein Bremer Polizist und NS-Kriegsverbrecher – Die Enkel auf den Spuren von Johann Mechels“ findet am Dienstag, 11. März, ab 19 Uhr, im AWO Konferenzraum (Am Wall 179/180) statt. Anmeldungen sind notwendig unter roterfaden@awo-bremen.de oder 40 88 77 13 oder -14.