Erleben, wie sich Demenzkranke fühlen kann man beim DemenTisch in Huchting. Alle Teilnehmer werden in verwirrende Situationen gestürzt. Demenz dement Angehörige Nicht man selbst, sondern die Welt um einen herum ist nicht mehr in Ordnung – das glauben viele Demenzkranke. Foto: pv
Selbstversuch

Verwirrung total: Erleben, wie sich Demente fühlen

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Beim DemenTisch werden Teilnehmer konsequent verwirrt – um sich so in die Welt Demenzkranker einzufühlen. Einen Verhaltenskatalog für den Umgang mit Dementen gibt es nicht. Verständnis und Geduld aber helfen weiter.

Es ist ein wunderschöner Sommermorgen, draußen liegt Schnee, und die erstaunlich rüstige Tante Hedi lässt den Gästen zu ihrem 90. Geburtstag schon um 9.30 Uhr Kuchen servieren.

Die Verwirrung hat System – wir befinden uns beim DemenTisch im Café Rosengarten.  Teilnehmer sollen lernen, sich in die Welt eines Demenzkranken einzufühlen. Woher kommt die Wut, die Trauer, die Unsicherheit in manchen Momenten?

Permanente Verwirrung und Frustration

Und so werden die Gäste an dieser eigentlich recht gemütlichen Kaffeetafel permanent Verwirrungen und Frustrationsmomenten ausgesetzt. Bitte alle mal den Namen aufschreiben und einen Kreis malen – aber mit links, schließlich leidet bei Demenz auch die Motorik. Die Teilnehmer lachen über ihre krakeligen Versuche – für echte Demenzkranke aber sind solche Erlebnisse demotivierend.

„Viele Spiele, die es in Altersheimen gibt, sind für Demenzkranke nicht geeignet“, erklärt Hedwig Wiemker, Leiterin der Sozialen Betreuung im Pflegeheim Haus am Sodenmattsee. „Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Gedächtnistraining hilft – es deprimiert viele Betroffene nur.“ Ihr Tipp: „Alles, was noch funktioniert, soll geübt werden. Aber es bringt nichts, daran festzuhalten, wenn es nicht mehr klappt.“

Kein Verhaltenskatalog für den Umgang mit Demenzkranken

Wiemker und Jürgen Weemeyer vom Pflegedienst Vacances haben sich das Konzept des Demenz-Tisches ausgedacht – und führen die verwirrende Kaffeerunde in unregelmäßigen Abständen für alle durch, die beruflich oder privat gelegentlich mit Demenzkranken zu tun haben. Bezahlt wird das Ganze durch Geld aus dem Programm „Wohnen in Nachbarschaften“.

„Die Polizisten, die neulich teilgenommen haben, hätten am liebsten einen Katalog an die Hand bekommen: So und so gehe ich in der und der Situation mit Demenzkranken um“, erzählt Weemeyer. „So einen Katalog gibt es aber nicht – jede Situation ist anders, immer muss man sich einfühlen, um das Richtige zu tun.“

Auf der Suche nach dem goldenen Ding

Als nächstes wird ein Freiwilliger gesucht, Horst meldet sich. In einem großen Koffer voller Taschen und Tütchen, Dosen und Schachteln, soll er nach dem „goldenen Ding“ suchen. Horst geht mit großer Ruhe an seine Aufgabe, kontrolliert gewissenhaft jede Schachtel und kommentiert seine Suche. „Ein paar Wäscheklammern sind hier. Und da ein paar Nüsse. Aber golden sind die nicht.“

Horst sucht weiter, seit gefühlt 20 Minuten. Langsam wird es nervenaufreibend, ihm zuzusehen. „Heute schafft er es halt nicht. Heute ist er nicht gut drauf“, urteilt Wiemker. „Ich habe aber auch das Gefühl, dass er sich keine richtige Mühe gibt“, stichelt Weemeyer. „Das goldene Ding ist da nicht drin“, trotzt Horst. Langsam wird selbst dieser ruhige Mann ungehalten. „Doch, doch“, versichert Wiemker, „du suchst nur nicht richtig.“

Sorgen ernst nehmen – und ablenken

„Ich war kurz davor, den blöden Koffer auf den Boden zu schmeißen“, erzählt Horst, nachdem er schließlich erfolglos wieder am Tisch sitzt. Erneut geht es um Frustration – und um die Erfahrung, etwas zu suchen, von dem man nicht genau weiß, was es ist.

„Oft denken die Menschen dann, dass sie bestohlen wurden“, erzählt Wiemker. „Es ist nicht richtig, ihnen dann vorzuhalten, dass sie tüdelig geworden sind.“ Viel besser sei es, die Sorgen ernst zu nehmen – und dann abzulenken. „Ja, wir gehen gleich zur Polizei und stellen eine Anzeige – aber wollen wir nicht erst noch einen Kaffee trinken?“

Der nächste DemenTisch findet am 15. Februar in Huch­ting statt. Mehr Infos zu weiteren Terminen gibt es bei Jürgen Weemeyer unter der Nummer 70 60 77.

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