Katarzyna Kozyra zeigt mitten in der Stadtkirche eine extra für Delmenhorst zusammengeschnittene Videoarbeit. Der dauert über eine Stunde und läuft in Dauerschleife. Freitag und Samstag wurde das Projekt vorbereitet.Fotomontage: Konczak Katarzyna Kozyra zeigt mitten in der Stadtkirche eine extra für Delmenhorst zusammengeschnittene Videoarbeit. Der dauert über eine Stunde und läuft in Dauerschleife.Fotomontage: Konczak
Looking for Jesus

Begegnung mit vielen Messiassen in der Stadtkirche

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Auf die Spuren des Jerusalem-Syndroms kann man sich ab heute, 12 Uhr direkt in Delmenhorst begeben. In der Evangelisch-lutherischen Stadtkirche eröffnet die Künstlerin Katarzyna Kozyra eine spannende Videoarbeit.

„Sind Sie Jesus oder glauben Sie, Sie sind Jesus?“ „Ja, ich bin Jesus.“ „Dann müssen wir ihnen folgen.“ Da ist ein Mann mit langen Haaren und Bart, der eine weiße Robe trägt und eine orthodoxe Christin, die in Dauerschleife die sieben Wunder wiederholt, die sie in ihrer Kirche erlebte. Ein anderer Mann ruft fröhlich „Taxi Jesus“ und lädt auf einen Eselsritt ein.

Jede Menge Messiasse

Die polnische Video- und Performancekünstlerin Katarzyna Kozyra reiste seit 2012 schon mehrfach nach Jerusalem, um dort Menschen zu begegnen, die vom Jerusalem-Syndrom betroffen sind. Personen, bei denen dieses Syndrom diagnostiziert wurde, sind davon überzeugt, sie seien der Messias oder eine andere biblische Figur. Bei einigen hält dieser Zustand wenige Tage an, bei anderen bleibt er dauerhaft.

Mit einer naiv-kindlichen, sehr sympathischen und offenen Art geht die Künstlerin direkt auf die Personen zu, übernimmt den Part des Fragestellers für die Betrachter, die selbst, wenn sie vor Ort wären, sich so etwas direktes vielleicht nicht trauen würden. Begleitet wird Kozyra immer von einem Filmteam, so dass ihre Videoarbeit einen dokumentarischen Anstrich bekommt.

Das Jerusalem-Syndrom

Aus ihren vielen Reisen hat die Künstlerin viele Stunden Material gesammelt, das nun in einen Kinofilm einfließen soll. In der speziell für Delmenhorst geschnitten Version zeigt sie eine Auswahl dieser Interviews, weshalb die Ausstellung auch den Titel „Looking for Jesus. Interviews from the Archive“ trägt.

Für Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Delmenhorst, ist es das dritte Außer-Haus-Projekt des Haus Coburg, nach der Klang-Performance von Thomas Putze im Wasserturm und einem genussvollen Marktplatz von Sonja Ahlhäuser in der Markthalle vor sechs beziehungsweise drei Jahren.

Drittes Außer-Haus-Projekt der Städtischen Galerie

Wegen dem Reformationsjubiläum konnte sich Thomas Meyer, Pastor der Evangelisch-lutherischen Stadtkirche eine Zusammenarbeit mit der Galerieleiterin gut vorstellen. Mutig sei er, offen, jemand, mit dem man etwas aushecken könne, sagt Reckert über Meyer. „Er riss seine Kirchentür förmlich für uns auf.“

Die Ausstellung greift deutlich in den Kirchenalltag ein. Der Altarraum, 1908 angebaut, wird unsichtbar gemacht, verschwindet hinter einer elf Meter hohen weißen Wand, die als Projektionsfläche für den Film dient, der darauf in Dauerschleife läuft. Erstmals kann Kozyra diese Arbeit in einer aktiven Gemeindekirche zeigen. Das überrascht und freut die Künstlerin sehr.

Altarraum verschwindet hinter der Projektionswand

„In Polen wäre so etwas nicht möglich. Unter der amtierenden Regierung trauen sich viele Künstler heute weniger, auch da die Museen um die Streichung öffentlicher Gelder fürchten“, sagt sie.
Für Reckert eignet sich das Projekt auch, um über Glauben nachzudenken. „Medienstars aber auch Strömungen in der Ernährung oder Sport haben für einige Menschen heute den Stellenwert von Göttern oder einer Religion“, sagt die Galerieleiterin.

„Wir wollen die Leute zum Nachdenken, aber auch zum Diskutieren anregen. Deswegen sollen die Besucher auch Fragen in einer Kiste zurücklassen“, erzählt Meyer. Er vermutet, dass es gerade für norddeutsche Protestanten nicht einfach sei, sich auf so ein spirituelles Erlebnis einzulassen. „Dabei ist auch die Bibel voll von Propheten, die vom heiligen Geist berührt wurden. Waren sie gesund oder krank?“ gibt Meyer zu Bedenken.

Fragen der Besucher sind gewollt

Die Schau läuft bis zum 22. Oktober. Zum Dialog laden mittwochs von 13 bis 14 Uhr, donnerstags von 16 bis 17 Uhr und sonntags von 15 bis 17 Uhr so genannte „Art Angels“ ein. Unterstützt wird die Ausstellung vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dem Freundeskreis Haus Coburg und der Citykirchenarbeit der Stadtkirche Delmenhorst.

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