Die Dressur-Europameisterin Birgit Wellhausen bildet in Borgfeld Pferde und Reiter für Turniere aus. Fotos: Piontkowski Die Dressur-Europameisterin Birgit Wellhausen bildet in Borgfeld Pferde und Reiter für Turniere aus. Fotos: Piontkowski
Reitsport

Wo die Pferde ins Solarium gehen

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Für Birgit Wellhausen liegt das Glück dieser Erde tatsächlich auf dem Rücken der Pferde.

Die 55-jährige Pferdewirtschaftsmeisterin betreibt seit 1985 in Borgfeld einen eigenen Ausbildungsstall. Zwei Reithallen, ein 30 mal 70 Meter großer Reitplatz, 27 Pferdeboxen, zwölf Weidekoppeln, 20 Hektar Grünland und zwei Solarien gehören zu dem großzügig angelegten Betrieb am Rethfeldsfleet.

Solarien für Pferde? Dem Laien mag das ungewöhnlich vorkommen. Für Birgit Wellhausen eine Selbstverständlichkeit. „Unter den Solarien werden die Pferde nach dem Reiten getrocknet“, sagt sie.

Hightech auch im Reitstall. „Das Pferd ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden“, erläutert Wellhausen. Hufschmiede, Futtermittelbetriebe, Tierärzte und Reitsportgeschäfte, alle kümmern sich um die 3.000 organisierten Reiter in Bremen und ihre 6.000 Pferde.

Reiten und unterrichten bestimmen den Tag

Sie selber schmeißt ihren ganzen Betrieb mit nur zwei Teilzeit-Bereitern und einem Vollzeitmitarbeiter, der sich um alles vom Füttern bis zum Erneuern der Weidezäune kümmert. „Mein Tag beginnt um 6 Uhr morgens, um 7.15 Uhr stehe ich im Stall“, sagt Birgit Wellhausen.

Bis abends geht es dann stramm durch. Reiten und Unterrichten bestimmen den Arbeitsalltag der Borgfelderin. Am Wochenende stehen häufig Turniere an. Da heißt es dann: reiten, richten, Schüler betreuen.

Seit 1995 ist Birgit Wellhausen auch Richterin bei Dressur- und Springprüfungen bis Klasse M. „Als ich damals mit meinen Zwillingen schwanger war, habe ich die Richterlizenz gemacht“, sagt die Reiterin, die seit acht Jahren auch Vorsitzende des 33 Mitglieder starken Reitclubs Wümme ist.

Alles begann mit der Ponyzucht des Großvaters

Birgit Wellhausen ist über ihre Großeltern zum Reiten gekommen. Ihr Großvater Karl Wellhausen eröffnete in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Borgfeld eine Tischlerei. „Er baute eines der ersten Häuser im Rethfeldsfleet“, sagt Birgit Wellhausen. Nebenbei hielt er Kühe und Pferde.

Nachdem Karl Wellhausen aus gesundheitlichen Gründen die Führung des Tischlereibetriebes an seinen Sohn Manfred abgegeben hatte, widmete er sich seit Mitte der 60er Jahre verstärkt der Ponyzucht. „Mein Großvater kaufte Ponystuten in England“, erinnert sich Birgit Wellhausen. Dazu kamen Deckhengste. Es dauerte nicht lange, bis die Fohlenaufzucht begann.

Das weckte auch das Interesse der Kinder in der Nachbarschaft und so kam es, dass Großvater Wellhausen eine eigene Reitschule eröffnete. Das Know-How dazu hatte er aus der Kavallerie.

Meistertitel schon als Kind

Auch Enkelin Birgit interessierte sich für die Reiterei. „Mein erstes Lieblingspony hieß Arco“, erinnert sie sich an den caramelfarbenen Falben mit schwarzer Mähne und Schweif. Erste Turnier-Prüfungen absolvierte Birgit Wellhausen im Alter von acht Jahren Anfang der 70er Jahre.

Es wurde schnell klar, dass das Kind Talent hat. Mit einem Dressurpony – ihr zweites Lieblingspony – startete sie bei zwei Europameisterschaften in Frankreich und England und gewann die Goldmedaille mit der Mannschaft.

1980 wurde Birgit Wellhausen, inzwischen auf Großpferde umgestiegen, deutsche Meisterin im Dressurreiten. Auch die erste Weltmeisterschaft für junge Pferde überhaupt, die in Verden stattfand, gewann sie mit dem Wallach Rennomé.

Nach zehn S-Siegen im Dressurreiten, der höchsten Klasse im Reitsport, erhielt sie vom Präsidenten der deutschen reiterlichen Vereinigung das goldene Reiterabzeichen. Zahlreiche Siege bei Bremer Meisterschaften rundeten die sportlichen Erfolge der Borgfelderin ab.

Erst die Pflicht, dann die Kür

Es lag daher nahe, dass sich Birgit Wellhausen auch beruflich dem Pferdesport widmete. Nach der höheren Handelsschule – „meine Eltern meinten, ich solle etwas Grundlegendes lernen“ – machte sie bei dem späteren Bundestrainer im Dressurreiten, Holger Schmezer, eine Ausbildung zur Pferdewirtin mit Schwerpunkt Reiten.

Den „Feinschliff“ holte sie sich im Anschluss in einem weiteren Jahr Training im Stall des damaligen Bundestrainers Harry Boldt in Dortmund.

Dann stand die damals 22-Jährige vor der großen Entscheidung, den großväterlichen Reitbetrieb zu übernehmen oder „nochmal in die Welt zu gehen“. „Mein Opa konnte nicht mehr“, blickt die Ur-Borgfelderin zurück. Sie entschied sich für den Betrieb in Borgfeld.

Sie übernahm die 20 Pferde und den Pony-Schulbetrieb, den sie nach und nach zu einem Betrieb für Einstellpferde umgestaltete. Parallel dazu machte sie 1989 ihren Meister. „Von da an hatte ich Azubis“, sagt Wellhausen. 14 bis 15 waren es bislang insgesamt.

Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung

Auch in die Pferdezucht stieg sie ein. „Wir hatten drei bis vier Zuchthengste und einen Pachtbetrieb am Großen Moordamm.“ Die Pferde wurden in die ganze Welt verkauft. Inzwischen hat Birgit Wellhausen den Zuchtbetrieb allerdings aufgegeben. „Die Verletzungsgefahr beim Natursprung ist für Hengste und Stuten sehr groß“, sagt die Pferdewirtschaftsmeisterin. Ohne eine eigene Besamungsstation hätte die Zucht daher nicht weitergeführt werden können.

Birgit Wellhausen legte den Schwerpunkt auf die Ausbildung von Pferden und Reitern. „Don Auriello war mein erfolgreichstes Pferd“, berichtet die Borgfelderin voller Stolz. Sie habe den Hannoveraner Wallach im Alter von vier Jahren bekommen und achtjährig in der höchsten Dressurklasse geritten. Dann sei das Pferd nach Schweden verkauft worden und 2012 und 2016 bei den Olympischen Spielen in London und Rio auf den 8. und 11. Platz gekommen.

Seit 2019 auch politisch aktiv

Durch die Reiterei hat sich für die Borgfelderin auch die Welt geöffnet: Sie hat Reitlehrgänge in Kanada und Japan gegeben. Auf Englisch, versteht sich.

Birgit Wellhausen verkauft Pferde bis nach Japan.

Birgit Wellhausen verkauft Pferde bis nach Japan.

Bei so viel Engagement: bleibt da noch Zeit für Urlaub? „Selten“, entgegnet die Reiterin. Nur neulich, da war sie mal auf Mallorca, genau dreieinhalb Tage. „Da wurde ich aber schon unruhig, weil eine Mitarbeiterin krank geworden ist“, sagt sie. Sie sei eben, „durch und durch ein Borgfelder Gewächs“. Deshalb – und so viel Zeit muss bleiben – engagiert sie sich seit 2019 auch im Borgfelder Beirat.

von Gabi Piontkowski

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