Fünf Zentimeter können hoch sein: Kai Kirschke zeigt auf die Kante zwischen der RS1 der Nordwestbahn und dem Bahnstieg. Regelmäßg habe er Probleme beim Ein- und Ausstieg. Er ist nicht der Einzige. Foto: Raddatz Fünf Zentimeter können hoch sein: Kai Kirschke zeigt auf die Kante zwischen einem Zug der Nordwestbahn und dem Bahnsteig. Regelmäßg hat er Probleme beim Ein- und Ausstieg. Foto: Raddatz
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Als Rollstuhlfahrer gefangen in der Nordwestbahn

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Wenn Kai Kirschke mit seinem Rollstuhl in der Nordwestbahn unterwegs ist, kann er nie sicher sein, ob er den Zug auch verlassen kann – auch nicht im Notfall. Und er ist nicht der einzige Rollstuhlfahrer, dem es so geht.

Es ist Mittag, als Kai Kirschke dringend nach Hause muss. Er hat Kreislaufprobleme, ihm geht es extrem schlecht. Als er aber kurz vor dem Bahnhof Mahndorf den blauen Service-Knopf drückt, mit dem der Rollstuhlfahrer ein Zeichen geben will, dass er Hilfe beim Ausstieg benötigt, kommt niemand.

Hineingekommen ist der Mahndorfer allein, weil der Zug tiefer liegt als die Bahnsteinkante. Jetzt braucht er Unterstützung, aber es ist kein Zugbegleiter an Bord. Auch Fahrgäste sind nicht in der Nähe.

Deshalb versucht Kirschke allein, mit seinem Elektrorollstuhl die etwa fünf Zentimeter hohe Kante zwischen Zugtür und Bahnsteig zu überwinden. Dabei stürzt er fast, denn das Hinterrad des schweren Rollstuhls bleibt an der Kante hängen.

Erst, als ihn ein Passant auf dem Bahnsteig  sieht, bekommt er die rettende Hilfe. 

Ohne Voranmeldung keine Hilfe 

Kirschke hat das Szenario in der vergangenen Woche nicht zum ersten Mal erlebt. Und auch Bremens Landesbehindertenbeauftragter Joachim Steinbrück kennt die Misere. „Rollstuhlfahrer haben bei der Nordwestbahn ein Problem“, sagt er.

Denn das Unternehmen erwartet von Menschen mit Hilfebedarf, dass sie ihre Fahrt anmelden – und zwar den Tag vorher.

„Dann ist auch ein Zugbegleiter anwesend“, sagt Stephanie Nölke, Sprecherin der Nordwestbahn. Steinbrück aber verweist auf die Beförderungspflicht von Verkehrsanbietern: „Wenn es keinen Begleiter gibt, muss eben der Zugführer beim Ein- und Ausstieg helfen.“ Nur besonders sportliche Rollstuhlfahrer könnten den Höhenunterschied ohne fremde Hilfe meistern.

Und selbst wenn ein Zugbegleiter an Bord ist, sei nicht immer gewährleistet, dass dieser auch hilft, berichtet Steinbrück. Ein Betroffener habe ihm geschildert, dass der Mitarbeiter ihn nicht aus dem Zug ließ – weil die Fahrt nicht ordnungsgemäß angemeldet war.

„Viel Nachholbedarf”

Kurzfristige Fahrten sind für Rollstuhlfahrer nicht ohne Weiteres möglich – selbst wenn es ihnen wie Kai Kirschke plötzlich gesundheitlich schlecht geht und sie dringend nach Hause müssen. „In Sachen Spontaneität ist es für Rollstuhlfahrer in der Tat schwierig“, gibt Nölke zu.

Bordpersonal sei zuverlässig erst ab 20 Uhr mit im Zug. Vorher fährt fast jede dritte Bahn ohne Schaffner.

Kirschke kann das nicht verstehen. „In Notfällen kann man sich nicht einen Tag vorher anmelden“, sagt er. Und außerdem sei das bei anderen Verkehrsunternehmen auch nicht zwingend notwendig. Zwar bitten auch diese um Voranmeldung, betonen aber gleichzeitig, dass es notfalls auch spontane Hilfe gibt. 

„Dies muss immer möglich sein“, fordert Steinbrück und bilanziert: „Bei der Nordwestbahn gibt es diesbezüglich viel Nachholbedarf.“

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