Gaffer behindern Rettungskräfte Gaffer verletzen Persönlichkeitsrechte und bringen sich und andere in Gefahr. Montage: Schlie
Straftat

Sensationslust: Gaffer behindern Rettungskräfte

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Jeder Mensch ist neugierig – laut Psychologe Thomas Pirke ein gesundes Verhalten. Immer häufiger wird jedoch die Grenze zur Schaulust überschritten und damit Straftaten begangen und andere in Gefahr gebracht.

„Wir haben es schon erlebt, dass Fahrer auf der Autobahn an der Unfallstelle abbremsen und filmend vorbei fuhren. Einer hielt sogar dafür an“, berichtet Andreas Desczka von der Feuerwehr Bremen. Die Folgen eines solchen Verhaltens mag er sich nicht vorstellen.

Filmen anstatt Hilfeleistung

Belegen könne man es zwar nicht, gefühlt werden die Rettungskräfte laut Desczka in der Hansestadt jedoch inzwischen häufiger im Einsatz gestört: von Menschen, die statt zu helfen, ihr Smartphone zücken und Fotos machen oder filmen – und dabei den Einsatzkräften im Weg stehen sowie die Rechte der Opfer verletzen.

Die Bremer Polizei spricht sogar von teilweise körperlichen Übergriffen auf Einsatzkräfte durch Gaffer. Der Bundesrat hat im Mai beschlossen, die Strafen für Gaffer künftig deutlich anzuheben.

Polizei geht gegen Gaffer vor

Feuerwehr und Rettungskräfte haben laut Desczka im Einsatz keine Möglichkeit, gegen Gaffer vorzugehen, außer mit einer direkten Ansprache.

Anders die Polizei: Diese kann Platzverweise erteilen und bei Nichtbefolgung sogar in Gewahrsam nehmen. Polizisten dürfen auch das Smartphone des Schaulustigen vor Ort einziehen, wie Dirk Matthies, Leiter der Verkehrsabteilung des ADAC Weser-Ems erklärt. Die Autobahnpolizei hat zum Schutz der Opfer zudem Sichtschutzwände im Fahrzeug.

Neugier ist gesundes Verhalten

Doch was bewegt Menschen dazu, zuzusehen und das Leid anderer festzuhalten? „Jeder hat ein Informationsbedürfnis. Wir orientieren uns so in unserer Umwelt. Grundsätzlich ist Neugier ein gesundes Verhalten, auch um Gefahren beurteilen zu können“, sagt Verkehrspsychologe Thomas Pirke.

Lust am Beobachten zu haben, gehe jedoch in eine andere Richtung, so Pirke weiter. Eine Grenze sei dann überschritten, wenn Hilfe verweigert wird und das Zusehen im Vordergrund steht, vor allem dann, wenn Menschen in Not auch noch beschämt werden.

Fehlende Empathie für Sensationslust

Der Psychologe vermutet, dass auch die Angst, etwas falsch zu machen, mitspiele, wenn Umstehende nicht helfen. „Diese sollte in jedem Fall überwunden und Hilfe gerufen werden“, sagt der 59-Jährige.

Wenn es jedoch um Sensationslust gehe, könne laut Pirke auch fehlende Empathie ein Grund sein. „Ein solches Verhalten ist hochgradig erschreckend und verletzt jede ethische Norm“, sagt der Fachmann.

Tiefenpsychologisch sei das Fehlen von Empathie nur mit der Biografie des Gaffers zu erklären.

Ein gesellschaftliches Problem

Warum wird das Gaffen immer häufiger? Beim ADAC geht man davon aus, dass es allein schon an der Möglichkeit liegt: „Vor den Smartphones wäre doch niemand auf die Idee gekommen, mit einer analogen Kamera Bilder von einem Unfall zu machen“, sagt Matthies.

Die Unsitte, Fotos und Filme auch noch über soziale Netzwerke zu teilen, sei ein Phänomen unserer Zeit. Pirke sieht das Gaffen als gesamtgesellschaftliches Problem. „Regeln müssen vorgelebt werden. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, welches Verhalten wir dulden und welches wir ächten wollen“, sagt der Psychologe.

Gaffen ist strafbar

Ordnungswidrigkeit: Gaffen (Bußgeld: 20 bis 1.000 Euro); Rettungskräfte behindern und auf dem Seitenstreifen fahren (20 Euro), dort parken (25 Euro).

Straftat: Unterlassene Hilfeleistung (Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr); Fotos oder Filme von einem Unfall machen, unabhängig von der Veröffentlichung (Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren).

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